Am Dienstagnachmittag in einem ruhigen Vorstadt-Beisl war die Musik leise, das Licht angenehm, und die Gläser am Tresen haben sich scheinbar von selber immer wieder g’füllt. Am Ende vom Tresen hob ein Mann Ende sechzig sein Bier mit geübter Hand, lachte über an Schmäh, den er eh schon zweimal g’hört hat. Seine Hawara stupften ihn an, der Barkeeper grinste, und alles hat harmlos ausg’schaut. Nur a bissl Gesellschaft. Nur a bissl „hab i ma verdient“.
Dann is er aufg’standen.
Sein Bein hat a halbe Sekunde zu lang gezögert, sein Gleichgewicht is wegkipp’t, und das Schmähführen war auf einmal vorbei. Er hat sich am Sessellehnen-Rücken festklammert, sich grad noch g’fangen und dann mit einem Grinser so getan, als wär nix.
Niemand hat was g’sagt.
In dieser Stille fangt die eigentliche G’schicht an.
Wann „nur a Getränk“ nimmer harmlos is
Geh in irgendein Familienfest und du siehst’s: ältere Verwandte mit’m Glas in der Hand, die ganz automatisch nachschenken. Rotwein „fürs Herz“, a Whisky „für’n G’schmack“, a Bier „wie früher halt“. Es wirkt nett. Vertraut. Fast wie ein Teil vom Älterwerden-Inventar.
Aber der Körper verändert sich ab 60 oft still und leise.
Was mit 40 noch leicht war, kann mit 70 wie a Beruhigungsmittel einschlagen. Selbes Getränk, selbe Person – völlig andere Wirkung. Das Ritual bleibt, nur das Risiko wird größer.
Nimm Marie, 72, pensionierte Lehrerin, messerscharf im Kopf und stolz drauf. Sie hätt sich nie als „große Trinkerin“ g’sehn. Ein kleines Glas Wein zu Mittag, noch eins am Abend. Eine Gewohnheit über Jahrzehnte, eing’wickelt in Sätze wie „mediterran“ und „mei kleines Vergnügen“.
Letzten Winter is sie in der Nacht aufs Klo aufg’standen, a bissl schwindlig, während ihre Blutdrucktabletten schon im Hintergrund g’arbeitet haben. Ein Fehltritt, eine rutschige Fliese, ein gebrochener Hüftknochen. Die Ärzt*innen haben die Punkte in Sekunden verbunden: Alter, Medikamente und Alkohol obendrauf.
Sie hat nix „missbraucht“. Sie hat nur weitergemacht wie immer, während Körper und Hirn längst weitergezogen sind.
Die unangenehme Wahrheit: Alkohol altert net mit uns mit. Er arbeitet gegen uns. Ältere Körper haben weniger Wasser – also bleibt Alkohol im Blut stärker konzentriert. Die Leber baut ihn langsamer ab. Und das Hirn, ohnehin a Spur empfindlicher, reagiert schneller und heftiger.
Stürze, Gedächtnisaussetzer, langsamere Reaktionszeit, Herzrhythmusstörungen, höheres Krebsrisiko – die Liste is net dramatisch, sondern medizinisch. Was früher entspannt hat, wird zu etwas, das dich leise ausfranst. Schritt für Schritt, Glas für Glas – unter’m Radar von „mir geht’s eh guat“.
Wie ma nach 60 sanft vom Alkohol wegkommt
Eine konkrete Möglichkeit, den Kurs zu ändern, is brutal einfach: klare Regeln. Net so ein vages „i trink weniger“, sondern a präzise Entscheidung wie: „Ab jetzt gar keinen Alkohol mehr.“ Das klingt hart, aber für viele ältere Menschen is kompletter Verzicht leichter, als ständig mit „nur ein Glas“ zu verhandeln.
Fang daheim an.
Räum Flaschen aus der Griffnähe, kauf nimmer „für Gäste“, und ersetz das Ganze durch g’scheite Alternativen: Sodawasser in schönen Gläsern, Wasser mit Zitrus, alkoholfreies Bier oder Wein, wenn’s am Anfang hilft. Das Ritual darf bleiben – die Substanz muss gehen.
Der schwierigste Teil is selten der Gusto. Es is das soziale Drehbuch. Dieser unangenehme Moment, wenn dir wer ein Getränk in die Hand drückt und auf dein „Prost“ wartet. Wenn du sagst: „Na danke, i trink nimmer“, fühlt sich der Raum auf einmal kleiner an. Manche machen Schmäh, manche drängen, manche nehmen’s persönlich.
Du schuldest niemandem a Predigt oder a Beichte. Ein simples „I hab aufgehört, i schlaf besser“ reicht oft völlig.
Und ehrlich: Das schafft keiner jeden Tag hundertprozentig. Es gibt Geburtstage, Hochzeiten, Essen, wo der alte Reflex wieder auftaucht. Der Schlüssel is net Perfektion. Es is die Richtung.
„Nach 65 hört Alkohol auf, ein soziales Accessoire zu sein, und benimmt sich wie a Droge, die mit jeder deiner Verwundbarkeiten interagiert“, sagt eine Geriaterin, mit der i g’sprochen hab. „Ganz ehrlich: Die sicherste Dosis is null.“
Mit der Ärztin/dem Arzt reden
Liste alle Medikamente auf, die du nimmst, und frag klar: „Wechselwirkt Alkohol damit?“ Die Antwort is öfter „ja“, als man glaubt.Den Abendablauf neu designen
Ersetz den Aperitif oder Schlummertrunk durch an Spaziergang, an Kräutertee, an Anruf bei wem, oder a kurzes TV-Ritual – halt ohne Glas.Visuelle Auslöser ändern
Stell attraktive alkoholfreie Getränke in die Mitte vom Tisch, versteck Flaschen oder verschenk sie, brich den Blickkontakt mit den alten Gewohnheiten.Zwei vertrauten Leuten erzählen
Vertraut’s einem Familienmitglied und einem Freund/einer Freundin an. Deren leise Unterstützung kann den Unterschied machen zwischen einem Ausrutscher und dem vollen Zurückrutschen in alte Muster.30 Tage lang notieren, wie’s dir geht
Energie, Schlaf, Stimmung, Gleichgewicht, Verdauung: Schreib kleine Veränderungen auf. Der Körper schickt oft schneller positive Signale, als man erwartet.
Kein Alkohol, mehr Leben: die G’schicht vom Älterwerden neu schreiben
Wennst mit älteren Leuten redest, die komplett aufgehört haben zu trinken, taucht a seltsames Muster auf. Am Anfang beschreiben’s Verlust: weniger „Gaudi“, weniger „Tradition“, weniger „Belohnung“. Dann kippt was. Sie schlafen tiefer. Sie wachen nimmer um 3 in der Früh auf. Der Blutdruck wird stabiler. Die Enkel fühlen sich sicherer im Auto mit ihnen.
Das „Vergnügen“, von dem’s glauben, dass sie’s verlieren, kommt in anderen Formen zurück. Bessere Morgen. Weniger Tabletten. Mehr Klarheit in Gesprächen. Das Gefühl, wieder ganz da zu sein.
Wir kennen’s alle: Du siehst, wie ein älterer Verwandter sein Glas nachfüllt, und du schluckst deine Sorge runter. Du willst net moralisieren. Du willst net die Stimmung ruinieren. Aber Zahlen sind der Familienpolitik wurscht. Alkohol erhöht das Risiko für Demenz, bestimmte Krebsarten, innere Blutungen, Depression und tödliche Stürze.
Es geht net um perfekt oder „rein“ sein. Es geht drum, die Chancen zu stapeln – für mehr Geburtstage, mehr Geschichten, mehr Selbstständigkeit.
Die radikale Idee ist: Ab einem gewissen Alter ist die mutigste Entscheidung net „verantwortungsvoll trinken“. Sondern gar nimmer trinken. Und vielleicht wird das nächste Mal, wenn wer still ein Glas ablehnt, der Raum net still. Er macht einfach weiter – und lässt aus der Stille Sicherheit werden.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leser*innen |
|---|---|---|
| Alkohol wirkt im Alter stärker | Weniger Körperwasser und langsamere Leberfunktion machen jedes Getränk ab 60 „potenter“ | Hilft älteren Menschen und Familien zu verstehen, warum „die gleiche Menge“ nimmer sicher ist |
| Null ist oft sicherer als „weniger“ | Klarer, kompletter Verzicht vermeidet ständiges Verhandeln und gefährliche Wechselwirkungen mit Medikamenten | Gibt einen einfachen, umsetzbaren Weg statt vager, schwer durchzuhaltender Mäßigung |
| Kleine Änderungen, große Wirkung | Rituale ersetzen, soziale Abläufe ändern, Vorteile 30 Tage lang beobachten | Zeigt, dass Alkoholfrei schnell Schlaf, Gleichgewicht, Energie und Selbstvertrauen verbessern kann |
FAQ:
Is a bissl Rotwein nach 60 net gut fürs Herz?
Der Glaube kommt aus älteren, umstrittenen Studien. Neuere Forschung zeigt: Mögliche Vorteile werden durch höhere Risiken für Krebs, Bluthochdruck und Schlaganfall übertroffen – besonders bei älteren Menschen.Was, wenn i nur am Wochenende oder zu besonderen Anlässen trink?
Mit zunehmendem Alter kann auch gelegentliches Trinken mit Medikamenten wechselwirken, das Sturzrisiko erhöhen und den Schlaf stören. „Gelegentlich“ heißt trotzdem: Der Körper muss mit einer giftigen Substanz umgehen, die er jetzt schlechter verträgt.Wie red i mit einem älteren Elternteil über’s Trinken?
Fokussier auf konkrete Auswirkungen, net auf Etiketten. Sprich über Stürze, Schlaf, Gedächtnis und Medikamente. Verwende „Ich“-Sätze: „I sorg mi, wenn …“ und schlag vor, 30 Tage alkoholfrei als Experiment zu probieren.Kann abruptes Aufhören für Senior*innen gefährlich sein?
Wenn wer jeden Tag sehr viel trinkt, kann ein plötzliches Stoppen Entzug auslösen. Dann zuerst mit der Ärztin/dem Arzt reden und eventuell unter medizinischer Begleitung reduzieren.Sind alkoholfreie Biere und Weine a gute Idee?
Für manche helfen’s, das soziale Ritual ohne Alkohol zu behalten. Für andere triggern’s wieder Gusto. Sie sind ein Werkzeug, aber keine Lösung allein. Das eigentliche Ziel ist, Entspannung komplett vom Alkohol zu entkoppeln.
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