Die Statue ist so auftaucht, wie Geheimnisse in alten Kirchen oft auftauchen: zufällig. A Hackler, schweißgebadet im Halbdunkel der Krypta, is unter einer Schuttschicht auf etwas Hartes g’stoßen. Ned auf an Stein aus der Mauer. Auf wos G’schnitztes. Er hat mit’m Handschuh den Staub weg’wischt, und langsam is a G’sicht zum Vorschein kommen – und hat ihn aus einem anderen Jahrhundert ang’starrt. A schmale Nase, g’schlossene Augen, a Art traurige Gelassenheit. Und um den Hals: a Kreis aus Einkerbungen, der a Heiligenschein sein könnt’… oder a Sonn.
Am selben Abend hat der Dorfpfarrer schon von einem christlichen Schatz g’redt. Die junge Archäologin vor Ort hat nur a anderes Wort g’murmelt: heidnisch.
Seitdem is sich niemand mehr einig.
Wenn a vergrabene Statue a Dorf aufweckt
Die Kirche steht am Hügel, wie so viele in Europa – mit’m Friedhof direkt an die Mauern g’drückt und Blick über Weizenfelder. Die Leit kommen her, um Babys zu taufen, ihre Toten zu begraben, zwischen zwei stressigen Tagen schnell a kurzes Gebet zu flüstern. Unter ihren Füßen is jahrhundertelang, im Dunkeln, die Statue g’legen – eing’klemmt unter einem eing’stürzten Teil der alten Fundamente.
Wie sich die Nachricht von der Entdeckung verbreitet hat, sind neugierige Einheimische in der Mittagspausen in die Krypta g’schlüpft. Manche ham sich beim Anblick der Figur bekreuzigt. Andere ham sich nur vorgebeugt, die Augen zusammengekniffen, und auf die abg’wetzten Hände g’schaut und auf die seltsame Spirale, die in die Brust g’schnitzt war.
Die G’schicht is schnell weitergangen – so, wie G’schichten schnell gehen, wenn Glaube und Geheimnis aufeinandertreffen. A Großmutter hat g’schworen, die Statue schaut aus wie a Heiliger von an alten Andachtsbildl, das sie in der Bibel aufhebt. A Teenager hat a TikTok g’filmt und das Ganze „das verfluchte Götzenbild unter unserer Kirche“ g’nannt.
Binnen Tagen ham regionale Zeitungen Schlagzeilen über a „vergessene Reliquie“ g’bracht. A katholischer Verband hat die Fotos geteilt und drauf bestanden, es wär a frühe Darstellung von Christus in Herrlichkeit. Dann hat a atheistische Geschichtslehrerin auf Facebook g’schrieben, Spirale und Gürtelknoten schaun exakt aus wie bekannte keltische Sonnensymbole. Die Kommentare sind explodiert. Die Leit ham nachts am Handy diskutiert – halb empört, halb begeistert.
Für Archäologinnen und Archäologen is so a Objekt nie bloß „schön“ oder „heilig“. Es is Beweisstück, Kontext, Zeitschichten. Der Kalkstein der Statue passt ned zu den Steinen der Kirche – des deutet drauf hin, dass sie wiederverwendet worden is. Die Schnitztechnik wirkt älter als das Heiligtum drüber. Und die Symbole – der Ring aus Kerben rund um den Kopf, die Spirale, die stilisierten Tiere am Sockel – erinnern stark an vorchristliche Traditionen.
Und trotzdem: Dass das Stück unter dem Chor liegt, genau unter dem Ort, der später zum Altar geworden is, wirkt absichtlich. Dieser Widerspruch zwischen Stil und Platzierung heizt den aktuellen Streit um Deutungen an. Die einen sehen Bekehrung. Die anderen Aneignung.
Reliquie, Götzenbild – oder irgendwos dazwischen?
Das Erste, was die Wissenschaftler gmacht haben, war schlicht und fast bescheiden: putzen. Mit weichen Pinseln und winzigen Werkzeugen ham’s Jahrhunderte an Staub und mineralische Ablagerungen entfernt. Jede Linie der Schnitzerei musste sichtbar sein, bevor ma ernsthaft reden kann. Dann sind Detailfotos kommen, a 3D-Scan, mikroskopische Proben von Farbpigmenten, die in g’schützten Ritzen überlebt ham.
Sie ham Holzkohle aus derselben Schicht wie die Statue datiert. Der Bereich, der aus’m Labor zurückkommen is, hat sich genau über die fragile Grenze zwischen späten heidnischen Kulten und frühen christlichen Gemeinschaften g’streckt. Direkt auf der Bruchlinie.
Auf der Seite der Gläubigen hat a andere Methode übernommen: G’schichten. A älterer Diakon hat sich erinnert, dass sein Großvater einmal von „einem versteckten heiligen Ding“ unter der Kirche g’redt hat – hingelegt nach einer Pest. A Frau hat behauptet, das G’sicht der Statue schaut exakt aus wie der Jesus aus ihren Kindheitsträumen. Der Pfarrer hat, sanft aber bestimmt, in Predigten begonnen, sie als „Zeugin des Glaubens durch die Zeiten“ zu bezeichnen.
Des is ned wissenschaftlich. Aber es hat Gewicht in einer Gemeinschaft, wo Glaube Lücken füllt, die Dokumente und Jahreszahlen offenlassen. Wennst da seit Jahrzehnten Kerzerl anzündest, is „Beweis“ ned immer a Mikroskop. Manchmal is es Erinnerung.
Für die Archäologie is die Gefahr, zu schnell zu sein. Solche Objekte gehören oft in a „Grauzone“, wo Symbole überlappen. Die frühe Kirche hat heidnische Orte wiederverwendet – und heidnische Steine – manchmal absichtlich, manchmal einfach, weil’s grad da waren. Aus einer Sonnenscheibe kann langsam a Heiligenschein werden. Aus einer Fruchtbarkeitsgöttin kann mit der Zeit für kniende Leit „wie“ die Maria wirken.
Hand aufs Herz: Kaum wer liest Grabungsberichte Zeile für Zeile. Die meisten reagieren auf die erste G’schicht, die im Bauch was auslöst – und verteidigen sie dann wie a Fahne. Genau so wird aus an Kalksteinbrocken auf einmal a Schlachtfeld.
Leben mit einem Objekt, das euch spaltet
Vor Ort hat’s Team entscheiden müssen: die Statue in einer Museumskiste verstecken – oder ihr einen Platz geben, wo die Leit sie sehen können. Sie ham einen Mittelweg gewählt. Das Objekt is aus der feuchten Krypta in a kleine Seitenkapelle übersiedelt worden, hinter a niedriges Seil. Dazu a schlichtes Schild: „Steinfigur, Spätantike, Herkunft in Untersuchung.“ Keine großen Worte. Keine Gewissheiten.
Besucher treiben jetzt fast von selbst hin, als würd das Gebäude durch dieses Stück Stein atmen.
Der Pfarrer hat die Archäologen gebeten, an einem Abend mit der Pfarrgemeinde zu reden – unter dem gelben Licht der Kirchenschiff-Lampen. Klappstühle, Kaffee in Plastikbechern, a quietschendes Mikrofon. Die Leit sind mit verschränkten Armen kommen, bereit, ihren Glauben zu verteidigen, und sind mit mehr Fragen als Antworten heimgegangen. Der junge Forscher hat Datierungsmethoden erklärt, Parallelen zu bekannten heidnischen Statuen, die Idee der Christianisierung älterer Symbole.
Einige Pfarrleute ham g’nickt. Andere sind stachlig worden, wie er angedeutet hat, dass frühere Dorfbewohner am selben Hügel vielleicht zu etwas anderem gebetet ham als zum christlichen Gott. Wir kennen des alle: der Moment, wo wos, das ma für rein und einfach g’halten hat, auf einmal Risse zeigt.
Am End’ ham’s sich auf a zerbrechliche Sache geeinigt: die Spannung sichtbar lassen. Kein triumphales „Reliquie“-Schild. Aber auch ka Warnung „heidnischer Götze“. Nur die gemeinsame Entscheidung, weiter drüber zu reden – immer wieder – vorm selben steinernen G’sicht.
„Die G’schicht liefert uns selten saubere Antworten“, hat der Archäolog leise g’sagt. „Diese Statue is zugleich a Frage und a Spiegel. Was du drin siehst, sagt genauso viel über di aus wie über die Vergangenheit.“
- Schau genau auf die Hinweise - Material, Stil, Symbole und Standort erzählen oft überlappende G’schichten.
- Akzeptier g’schichtete Identitäten - a Objekt kann gleichzeitig a wiederverwendeter heidnischer Stein und a geliebtes christliches Bild sein.
- Lass Platz für Glauben - kalte Fakten und warmer Glaube müssen sich ned gegenseitig auslöschen.
- Vermeid vorschnelle Etiketten - „Reliquie“ oder „Götzenbild“ sind starke Wörter, die Gespräche zu schnell zumachen können.
- Nutz die Statue als Ausgangspunkt - für Gespräche in der Familie, Schulbesuche oder persönliche Überlegungen dazu, was ma „heilig“ nennt.
Ein Stein, der sich weigert, a Seite zu wählen
Heut is das G’sicht der Statue von einem kleinen Lämpchen beleuchtet, das weiche Schatten auf die abg’griffenen Züge wirft. Teenager machen immer noch Fotos – aber die Bildunterschriften mischen jetzt Ironie und Neugier. Pilger knien davor, bevor’s zum Hochaltar weitergehen, als wüsst der alte Stein a Geheimnis darüber, wie’s is, Mensch zu sein und Sinn zu suchen. Das Museumsschild hat sich ned geändert. Die Debatte auch ned.
Was sich verändert hat, is nur, wie die Leit dort miteinander stehen: Schulter an Schulter, uneins – aber ohne wegzugehen.
Die Archäologen machen ihre langsame Arbeit weiter: Motive vergleichen, nach Spuren von alter Farbe suchen, Archive durchforsten, in denen verschwundene Kapellen oder verlorene Wegheiligtümer erwähnt werden. Die Gläubigen machen ihre Arbeit weiter: Kerzerl anzünden, mit zwei Fingern sacht das Seil berühren, Gebete flüstern, die vielleicht – oder vielleicht auch ned – von irgendwem jenseits vom Stein g’hört werden. Und irgendwo dazwischen sehen die Kinder aus’m Ort einfach a coole Mystery unter ihrer alten Kirche: a Riss in der Zeit, den ma nach der Schule gratis besuchen kann.
Klartext: Manche Fragen sind kostbarer, wenn’s ungelöst bleiben.
Die Statue steht da, still, und lässt jede Besucherin und jeden Besucher eine eigene G’schicht auf die leeren Augen projizieren. Vielleicht wird’s nie eindeutig als christliche Reliquie oder heidnisches Symbol klassifiziert. Vielleicht bleibt’s immer an dieser Kreuzung: beides und keines. Dieser unruhige Zwischenraum is unangenehm – und gleichzeitig seltsam fruchtbar.
Vielleicht is genau des der wahre Wert: ned das Etikett auf einer Museumskarte, ned das letzte Wort von an Experten, sondern wie ein einziges Stück Stein ein Dorf – und alle, die die G’schicht hören – dazu bringt, neu zu überlegen, was ma „heilig“ nennt, was ma „unser“ nennt, und was schon lang da war, bevor ma in die Kirche gangen sind und hinter uns leise die Tür zug’macht haben.
| Kernpunkt | Detail | Wert für die Leserinnen und Leser |
|---|---|---|
| Bedeutungsschichten | Die Statue mischt heidnische Symbole mit christlicher Platzierung unter dem Altar | Hilft dir zu sehen, wie Religionen und Kulturen einander überlagern, statt einander einfach zu ersetzen |
| Konkurrenzierende Erzählungen | Wissenschaftliche Datierung prallt auf mündliche Überlieferung und persönlichen Glauben | Lädt dich ein, zu hinterfragen, woher deine eigenen Sicherheiten kommen |
| Mit Zweifel leben | Die Gemeinschaft entscheidet, das Objekt sichtbar zu lassen und die Debatte offen zu halten | Bietet ein Modell, wie ma heikle Meinungsverschiedenheiten aushält, ohne Beziehungen zu zerreißen |
FAQ:
- Was genau is unter der Kirche g’funden worden? A g’schnitzte Kalkstein-Statue mit einer menschlichen Figur, einem Ring aus Kerben um den Kopf, einer Spirale auf der Brust und kleinen Tieren am Sockel, liegend unter eing’stürzten Fundamenten nahe dem Chor.
- Warum glauben manche, es is a christliche Reliquie? Wegen der Lage unter dem Ort, der später zum Altar worden is, wegen des ruhigen, fast heiligenhaften G’sichts und wegen lokaler Erzählungen über „ein verstecktes heiliges Objekt“, das die Kirche g’schützt haben soll.
- Warum vermuten Archäologen einen heidnischen Ursprung? Die Symbole ähneln stark bekannten keltischen sowie spätantiken Sonnen- und Fruchtbarkeitsmotiven, und Stein sowie Schnitzstil wirken älter als das heutige Kirchengebäude.
- Könnte die Statue von frühen Christen wiederverwendet worden sein? Ja, das is eine der führenden Theorien: dass frühe Christen ein bestehendes heiliges Objekt übernommen und nach und nach christliche Bedeutungen in die ältere Bildsprache hineingelesen ham.
- Werden wir je sicher wissen, was die Statue wirklich war? Neue Tests oder Vergleiche könnten die Möglichkeiten eingrenzen, aber eine völlig klare Antwort is eher unwahrscheinlich – genau deshalb fasziniert und spaltet das Objekt weiter.
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