Die Madl is vielleicht acht, steht im Müsli-Gang, die Unterlippe zittert. Die Stimme von ihrer Mama schneidet durch’s Summen im Supermarkt: „Hear auf zum Weinen, sofort. Du blamierst mi. Wüst, dass d’Leit glauben, i hab a Baby aufgezogen?“ Das Madl wird ganz steif, zwingt ihr G’sicht in irgendwas Neutrales und starrt auf’n Boden. Vor a Sekund war sie einfach nur traurig wegen dem falschen Müsli. Jetzt schamt sie sich dafür, überhaupt irgendwas zu fühlen.
Zwei andere Eltern schieben ihre Wagerl vorbei, die Augen huschen kurz zur Szene – und dann weg. Man kann das stumme Urteil fast hören: „Sie muss des halt lernen.“
Niemand nennt des Missbrauch.
Aber Psycholog:innen tun’s – ganz leise.
Der „Abhärtungs“-Stil, der Kinder innen drin still kaputtmacht
In Küchen, auf Spielplätzen und in WhatsApp-Elterngruppen ist ein Erziehungsstil unglaublich verbreitet – und wird heftig verteidigt. Der klingt dann so: „Hear auf zum Weinen, sonst geb i da was zum Weinen.“ „Du bist z’ empfindlich.“ „Fang net scho wieder mit deinem Drama an.“
An der Oberfläche schaut’s aus wie Disziplin. Darunter ist es eine systematische Abwertung von der inneren Welt eines Kindes.
Psycholog:innen haben dafür ein klares Wort: emotionaler Missbrauch. Net weil Eltern Monster san, sondern weil wiederholte Demütigung, Spott und emotionales Abdrehen tatsächlich verändern, wie sich das Gehirn von einem Kind in Richtung Sicherheit und Liebe „verdrahtet“.
Stell da an sechsjährigen Buben vor, der beim Abgeben in der Schule weint. Sein Papa – gestresst und müde – lacht vorm Lehrer: „Der is so a Heulsuse. Des macht er jeden Morgen. I sag eam eh, er soll sich zamreißen.“ Der Lehrer lächelt höflich, der Bub wird rot vor Scham, und die Szene wiederholt sich – Tag für Tag.
Zehn Jahre später is derselbe Bub ein Teenager, der gar nimma weint. Net wenn er g’mobbt wird. Net wenn ihn die Freundin verlässt. Net amal, wenn der Opa stirbt. Die Erwachsenen rundherum atmen erleichtert auf: „So stark!“
Innen drin hat er nur gelernt: Mit den Menschen, die i lieb, san meine Gefühle net sicher.
Psycholog:innen verwenden „Missbrauch“ net leichtfertig. Des Wort is für Muster reserviert, net für an schlechten Tag. Emotionaler Missbrauch zeigt sich als ständiges Kleinmachen, gemeines Necken, Schweigen als Strafe, Beschämung oder Liebe als Belohnungs- und Strafsystem.
Mit der Zeit übernehmen Kinder den Job selber. Sie kritisieren die eigenen Gefühle, bevor’s wer anderer kann: „I übertreib eh.“ „Passt scho, is eh deppert.“
Des is der stille Preis von einem Erziehungsstil, den viele Erwachsene immer no „einfach streng“ nennen.
Was wirklich passiert, wenn Eltern Gefühle „abdrehen“
Die Logik dahinter klingt oft überzeugend. Eltern sagen: „Das Leben is hart, meine Kinder müssen hart werden.“ Sie haben Angst, dass ein Kind schwach, anspruchsvoll oder manipulativ wird, wenn man Tränen ernst nimmt. Also drucken’s Gefühle runter – in der Hoffnung, damit Zähigkeit aufzubauen.
Was die Forschung zeigt, is fast das Gegenteil: Wenn die Gefühle von einem Kind beschämt oder ausgelacht werden, wird sein Nervensystem net ruhiger. Es geht in den Überlebensmodus.
Außen sieht man vielleicht a Kind, das „eh schon drüber hinweg“ is. Innen speichert der Körper nur den Sturm für später.
Da is a subtilere Szene: A neunjähriges Kind kommt aus der Schule heim, knallt den Rucksack hin und bricht in Tränen aus. „In der Pause wollt niemand mit mir spielen.“ Ihre Mama – getroffen von einem ganzen Tag E-Mails und unbezahlten Rechnungen – fährt sie an: „Geh bitte. Des is doch ka richtiges Problem. Manche Kinder haben net amal was zum Essen.“
Das Madl schluckt ihre Geschichte runter und sagt: „Stimmt eh.“ Sie entscheidet, dass sie sowas beim nächsten Mal lieber für sich behält.
Das is kein Schlagzeilen-Moment. Kein Schreien, keine Beschimpfungen. Nur a leises Wegwischen, das einem Kind beibringt: Dein Schmerz zählt nur, wenn er groß genug is, um an Erwachsenen zu beeindrucken.
Psycholog:innen nennen des „emotionale Invalidierung“, und wiederholte Invalidierung liegt am selben Spektrum wie offensichtlicherer Missbrauch. Die Botschaft lautet: Deine Gefühle san falsch, zu viel oder grad unpassend.
Mit der Zeit tun sich Kinder aus so einem Klima oft schwer, überhaupt zu benennen, was sie fühlen. Sie werden entweder zu Hyper-Anpasser:innen, die ständig schauen, ja niemandem zur Last zu fallen – oder zu Dauer-Explodierer:innen, die nie gelernt haben, Wellen von Wut, Traurigkeit oder Angst zu reiten.
Und seien wir ehrlich: Das macht kaum wer Tag für Tag, ohne dass da Spuren von der eigenen, net geheilten Kindheit mitspielen.
Vom emotionalen Abdrehen zum emotionalen Coaching
Es gibt ein anderes Modell, das viele Psycholog:innen mittlerweile empfehlen: emotionales Coaching. Das heißt net, dass Kinder machen dürfen, was sie wollen. Es heißt: Du reagierst zuerst auf’s Gefühl – und erst dann auf’s Verhalten.
Eine sehr einfache Methode hat drei Schritte:
Erstens: Benenn, was du siehst: „Du schaust grad richtig enttäuscht aus.“
Zweitens: Bestätigen/validieren: „Is logisch, dass du so fühlst – i wär auch enttäuscht.“
Erst dann: Grenzen: „Und trotzdem können wir net mit Spielzeug werfen, wenn ma wütend san. Schauen ma, wie ma’s anders zeigen können.“
Viele Eltern haben Angst, dass das Wohnzimmer dann zur Therapiesitzung wird. Wird’s net. Die meisten Kinder werden allein dadurch ruhiger, dass sie sich g’sehen fühlen. Das is das verrückte Geheimnis.
Die Fehler san vorhersehbar: Minimieren („Des is doch nix“), lächerlich machen („Drama-Queen“), oder sofort richten wollen („Kumm, nimm a Keks“). Das sind alles Arten zu sagen: „Dein Gefühl macht mi unruhig.“
Ein empathischer Wechsel klingt eher so: „I hör di. I bin da. Und wir packen des gemeinsam – auch wenn i trotzdem nein sag.“
Der Psychologe John Gottman, der emotionales Coaching bekannt gemacht hat, sagt’s so: „Wenn Eltern Emotionen validieren, lernen Kinder, dass ihr inneres Erleben real und handhabbar ist – net gefährlich oder beschämend.“
- Auslöser bemerken - In dem Moment, wo di die Gefühle von deinem Kind nerven, mach a Pause und nimm einen langsamen Atemzug.
- Eine kurze Validierung - „Klar bist du grantig, das Spiel is plötzlich aus g’wesen.“ Kurz, ehrlich, keine Predigt.
- Gefühl und Verhalten trennen - „Dein Ärger is okay. Schlagen is es net.“ Beides kann stimmen.
- A klanes Werkzeug anbieten - In ein Polster drücken, stampfen, das Gefühl zeichnen. Kinder brauchen körperliche Auslässe.
- Später nachbesprechen - Wenn alle ruhig san, sag kurz deine Seite: „Vorhin bin i ausg’zuckt. Nächstes Mal versuch i zuerst zuzuhören.“ Das repariert den Riss.
Kinder großziehen, die sich in der eigenen Haut sicher fühlen
Viele Erwachsene, die über emotionalen Missbrauch in der Erziehung lesen, erkennen sich leise wieder. Net als Bösewichte, sondern als Überlebende – und als Wiederholer:innen von dem einzigen Modell, das sie jemals g’sehen haben. Die Veränderung beginnt net mit einem perfekten Skript. Sie beginnt mit dem Mut zu sagen: „Manches, was i Disziplin genannt hab, war eigentlich meine Angst vor Gefühlen.“
Von dort weg wird’s unordentlich und sehr menschlich. Du wirst trotzdem manchmal schnauzen. Du wirst trotzdem was Scharfes sagen. Der Unterschied is: Du merkst es früher, kommst zurück und reparierst.
Kinder, die emotional sicher aufwachsen, werden net zu zerbrechlichen Schneeflocken. Sie werden Erwachsene, die Unangenehmes aushalten können, ohne zu zerfallen oder zuzumachen. Sie sagen klar „Nein“. Sie erkennen Manipulation. Sie holen sich Hilfe, bevor’s bricht.
So eine Resilienz entsteht net dadurch, dass man ihnen sagt, sie sollen sich „zamreißen“. Sie wächst aus tausenden kleinen Momenten, wo ihre innere Welt mit Neugier beantwortet wird – net mit Verachtung.
Die Frage is net: „Bin i a missbräuchliche Mutter / a missbräuchlicher Vater?“ Sondern: „Welche Geschichte über Gefühle geb i weiter?“
Für manche Leser:innen landet diese Frage wie a Schlag. Für andere fühlt’s sich seltsam erleichternd an – wie neue Worte für eine Kindheit, die sie nie ganz benennen konnten. Vielleicht erinnerst di an zugeschlagene Türen, sarkastische Kommentare, lange kalte Funkstille, die mehr wehgetan hat als jede Watschn.
Vielleicht ziehst du grad selber Kinder groß und hörst die Worte von deinen Eltern in deiner eigenen Stimme. Das heißt net, dass du verloren bist. Das heißt, du bist wach.
Und genau dieser kleine Spalt zwischen Impuls und Bewusstsein is der Ort, wo eine komplett andere Familiengeschichte anfangen kann.
| Kernaussage | Detail | Wert für Leser:innen |
|---|---|---|
| Emotionaler Missbrauch wird oft normalisiert | Beschämen, Auslachen und Wegwischen von Gefühlen wird noch immer als „Disziplin“ oder „harte Liebe“ verteidigt | Hilft, schädliche Muster zu erkennen, die man vielleicht klein g’redet hat |
| Validierung heißt net, dass alles erlaubt is | Eltern können Emotionen anerkennen und trotzdem klare Grenzen beim Verhalten halten | Zeigt einen praktikablen Mittelweg zwischen Härte und „alles wurscht“ |
| Kleine Reparaturen verändern das Familienerbe | Entschuldigen, Gefühle benennen und emotionale Ehrlichkeit vorleben verändert Dynamiken langsam, aber nachhaltig | Macht Hoffnung: Veränderung geht auch ohne perfekte Eltern |
FAQ:
- Is es emotionaler Missbrauch, wenn i die Stimme erhebe? Net automatisch. Emotionaler Missbrauch meint anhaltende Muster von Demütigung, Verachtung oder Einschüchterung. Jede:r verliert manchmal die Nerven. Die Schlüsselfragen san: Reparier i nachher? Und lebt mein Kind die meiste Zeit in Angst vor meinen Reaktionen?
- Welche Sätze san am schädlichsten? Wiederholte Sätze wie „Du bist z’ empfindlich“, „Hear auf, so a Baby zu sein“, „Du bist unmöglich“ oder „I halt di net aus, wennst so bist“ gehen tief. Sie greifen den Charakter vom Kind an statt ein Verhalten anzusprechen – und lernen ihm: Deine Gefühle san „defekt“.
- Was, wenn i so aufgezogen worden bin und Gefühle kaum spür? Das is extrem häufig. Fang klein an: Achte auf Körpersignale (enger Brustkorb, Kiefer zamgebissen) und benenn’s als „vielleicht Wut“ oder „vielleicht Angst“. Therapie, Selbsthilfegruppen oder Elternkurse können neue Sätze liefern – und a Platz zum Üben sein.
- Macht Validieren mein Kind net noch dramatischer? Forschung deutet eher aufs Gegenteil hin. Kinder, die sich g’sehen fühlen, eskalieren meist weniger und finden schneller zurück. „Drama“ wird oft dadurch g’füttert, dass man ignoriert, auslacht oder abdreht – dann wird lauter g’macht, um überhaupt g’hört zu werden.
- Wie reparier i, wenn i mit meinen Worten z’ weit gangen bin? Geh zurück, wenn ihr beide ruhig seid, und halt’s einfach: „I hab so g’redet, dass es wehgetan hat. Deine Gefühle san ma wichtig, auch wenn i gestresst bin. I arbeit dran.“ Net sofort Vergebung einfordern. Zeig mit der Zeit, dass dein Verhalten langsam zu deinen Worten passt.
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