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Dermatolog:innen sorgen für Aufregung: Eine günstige Creme aus dem Supermarkt sei besser als teure Luxuspflege.

Person nimmt eine Creme aus einem Regal in einem Geschäft. Im Vordergrund ein Einkaufskorb mit Zitronen.

Um 8:27 Uhr, in einem grell beleuchteten Gang einer Drogerie, steht eine Frau im Trenchcoat wie erstarrt zwischen zwei Regalen. In der linken Hand: ein Glas­tiegel mit 120-Dollar-„Luminosity“-Creme. In der rechten: ein gedrungener Plastiktiegel, der weniger kostet als ihr Mittagsessen unter der Woche.

Mit dem Daumen scrollt sie durch TikTok, Ton aus, und mit jedem Clip spannt sich ihr Gesicht ein bissl mehr an. Eine Dermatologin nach der anderen hält den billigen Tiegel hoch, als wär’s ein heiliger Schatz. „Das“, steht in den Untertiteln, „schlägt deine Luxus-Feuchtigkeitscreme.“

Ihr Spiegelbild im Sicherheits­spiegel schaut müde aus – und ein bissl verraten. Jahre voller kleiner Sephora-Sackerln, Stapel leerer Tiegel, all diese seidigen Texturen und parfümierten Versprechen.

Welcher Tiegel wandert als Erstes zurück ins Regal?

Warum Dermatolog:innen plötzlich von „hässlichen“ billigen Cremes besessen sind

Redest du mit einer Dermatologin oder einem Dermatologen off the record, hörst oft dasselbe: Die Hälfte der Produkte in deinem #shelfie steht wegen dem Logo dort – nicht wegen deiner Haut.

Billigcremes, die im untersten Regal in langweiligen weißen Tiegeln stehen, machen sich halt nicht gut am Foto. Keine Rosenquarz-Löffel, keine Marmordeckel. Dafür Zutatenlisten, die fast schon aggressiv fad klingen: Petrolatum. Glycerin. Ceramide.

Und genau diese Art von Formulierung löst grad in sozialen Medien einen Aufruhr aus. Ärzt:innen posten Side-by-Side-Vergleiche und sagen, dass eine 7-Dollar-Standardcreme eine 200-Dollar-„Wunder“-Creme dort schlagen kann, wo’s wirklich zählt: die Hautbarriere reparieren und Wasser in der Haut halten.

Ausgelöst wurde das von ein paar viralen Clips, von denen Dermatolog:innen vermutlich gedacht haben, die sind nach 24 Stunden wieder weg. Eine Derm aus New York hat sich gefilmt, wie sie in einem Kaufhaus an den glänzenden, angestrahlten Luxusständen einfach vorbeigeht. Dann die Rolltreppe runter, in die Drogerie nebenan, und nimmt einen schlichten blauen Tiegel aus dem untersten Fach.

„Beste Feuchtigkeitscreme in dem ganzen Einkaufszentrum“, stand in der Caption.

Die Kommentare sind explodiert. Manche haben Fotos von Badkastln voller Luxus-Tiegel gepostet und zugegeben, dass sich ihre Haut trotzdem gespannt und rot anfühlt. Andere haben geschworen, dass sich ihre schuppigen Wangen nach dem Umstieg auf den „hässlichen Tiegel“ innerhalb von einer Woche beruhigt haben. Eine Frau hat geschrieben, ihre 5-Dollar-Creme hat einen kanadischen Winter überlebt, an dem ihre 180-Dollar-Franzosen-Emulsion gescheitert ist.

Dermatolog:innen vergleichen dabei nicht Verpackung oder Spa-Gefühl. Sie vergleichen, was deine Haut tatsächlich „merkt“: Humectants (Feuchthaltemittel), die Wasser anziehen, Emollients (rückfettende Weichmacher), die Lücken zwischen Zellen glätten, und Occlusives (okklusive Stoffe), die verhindern, dass Feuchtigkeit entweicht.

Der Schock kommt daher, dass viele Luxuscremes mehr Geld in Marketing, Duftstoffe und Tiegel stecken als in diese grundlegenden Arbeitstiere unter den Inhaltsstoffen. Manche sind voll mit ätherischen Ölen und Parfüm – fühlt sich fünf Sekunden nett an, kann aber empfindliche Haut still und leise anstacheln. Wenn ein:e Dermatolog:in sagt, der Billigtiegel ist „besser“, meint das meistens: wirksamer, stabiler und für die meisten weniger reizend. Der Satz trifft zuerst das Ego – und erst dann die Hautbarriere.

Wie du im untersten Regal einen stillen Overachiever erkennst

Wenn du das selber testen willst, mach im Gang ein kleines Ritual. Dreh den Tiegel um und ignorier die Vorderseite komplett. Diese verträumte Headline „Kaviar-Peptid Youth Dew“? Für die nächsten 30 Sekunden völlig wurscht.

Schau dir die ersten fünf bis zehn Inhaltsstoffe an. Dort steht die Wahrheit. Such nach Water/Aqua, Glycerin oder Propanediol, vielleicht Hyaluronsäure für extra „Zug“, dann Begriffe wie Ceramide, Cholesterol, Petrolatum, Dimethicone, Shea Butter. Nicht glamourös – aber funktional.

Eine derm-gebilligte Budgetcreme hat oft eine eher kurze Liste, wenig bis keinen Duft und keine ätherischen Öle. Wenn „lavender oil, citrus peel, parfum“ weit oben steht: Deine Nase freut sich vielleicht, deine Haut eher nicht. Gute Feuchtigkeitscremes sind oft langweilige Feuchtigkeitscremes.

Der größte Fehler ist anzunehmen, dass Preis gleich Power ist. Man fühlt sich sicherer, wenn man mehr zahlt – als hätte man damit Kompetenz gekauft. Wenn der 3-Euro-Tiegel zu simpel ausschaut, flüstert das Hirn: „Nie im Leben kann der so gut sein.“

Dann gibt’s noch die Textur-Snobberei. Dick und ein bissl fettig? Viele von uns wurden darauf trainiert, das zu hassen – besonders, wenn wir in der „öliger Haut = oil-free-everything“-Ära aufgewachsen sind. Wir sind wolkenleichte Gele gejagt, die sofort verschwinden, und haben vergessen: Wenn’s auf den Fingern verschwindet, heißt das oft auch, dass es bis Mittag vom Gesicht weg ist.

Seien wir ehrlich: Nach einem langen Arbeitstag liest kaum wer jedes Label mit mönchischer Konzentration. Also greifen wir zu Branding, Duft und der Optik, wie der Tiegel neben der Badkerze ausschaut. Die Haut sieht das alles nicht. Sie „sieht“ nur chemische Struktur.

Eine Londoner Dermatologin hat’s mir beim Kaffee so zusammengefasst: „Deine Hautbarriere kennt keinen Unterschied zwischen einem fancy Logo und einem weißen Supermarkt-Tiegel. Sie weiß nur, ob du ihr Lipide und Wasser gibst – oder Drama und Duft.“

Praktisch übersetzt: Achte auf ein paar grüne Flaggen, wenn du irgendeine Feuchtigkeitscreme in der Hand hast – billig oder teuer:

  • Einfache Zutatenliste mit Humectants, Emollients und Occlusives weit oben
  • Aufdruck „fragrance-free“ oder „für sensible Haut“, wenn du reaktiv bist
  • Textur, die sich leicht „polsternd“ anfühlt statt wie Wasser zu verschwinden
  • Verpackung, die das Produkt vor Luft und Fingern schützt (Pumpe oder Tube ist ein Bonus)
  • Dermatolog:innen- oder Neurodermitis/Ekzem-Siegel, die nicht schreien, sondern einfach ruhig dort stehen

Wenn du diese Muster einmal erkennst, schaut die Ramsch-Kiste plötzlich weniger nach Kompromiss aus – und mehr nach einem g’scheiten Shortcut. Aus Empörung wird Neugier.

Was diese Billigcreme-Revolution wirklich über uns sagt

Abseits von TikTok-Drama und grantigen Kommentaren rührt die Debatte an etwas Unordentliches, sehr Menschliches. Hautpflege ist nicht nur Haut. Es geht um Identität, Geschmack, und darum, welche Version von uns selbst wir im Badregal gespiegelt sehen wollen.

Wenn Dermatolog:innen ein Apotheken-Standardprodukt über eine Creme mit Kristalldeckel loben, fühlt sich das an, als würden sie an den Geschichten rütteln, die wir uns selbst erzählen. Die Geschichte „Ich investier in mich“. Die Geschichte „Meine Routine ist speziell, nicht basic“. Manchmal sind das genau die Geschichten, die einen langen, zachen Tag ein bissl abfedern.

Vielleicht ist deshalb der Gegenwind so scharf. Die Leute hören nicht nur: „Diese billige Creme wirkt besser.“ Sie hören: „Du bist drauf reing’fallen.“ Sie hören: „Du hättest das ganze Geld nicht ausgeben müssen.“ Und niemand fühlt sich gern deppert vor dem Spiegel.

Kernaussage Detail Nutzen für Leser:innen
Fokus auf Funktion statt Luxus Humectants, Emollients, Occlusives schlagen Marketing-Begriffe Hilft dir, Produkte zu wählen, die wirklich hydratisieren und reparieren
Preis ist nicht gleich Leistung Budgetcremes teilen oft Kern-Inhaltsstoffe mit Prestige-Marken Spart Geld bei gleichen oder besseren Ergebnissen
Einfacher ist oft sicherer Weniger Duftstoffe und ätherische Öle = weniger Reizung Ruhigere Haut, besonders bei sensiblen oder reaktiven Typen

FAQ:

  • Frage 1 Sind billige Feuchtigkeitscremes wirklich so wirksam wie Luxusprodukte?
  • Frage 2 Auf welche Inhaltsstoffe soll ich bei einer Budgetcreme schauen?
  • Frage 3 Kann ich trotzdem ein oder zwei Luxusprodukte behalten, die ich liebe?
  • Frage 4 Empfehlen Dermatolog:innen überhaupt manchmal teure Feuchtigkeitscremes?
  • Frage 5 Wie lang soll ich eine neue Billigcreme testen, bevor ich das Ergebnis bewerte?

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