Der Gong läutet, und im Klassenzimmer wird’s ein bissl dünkler – aber keiner greift nach einem Exemplar von „Wer die Nachtigall stört“.
Am Whiteboard taucht stattdessen eine riesige, verpixelte Welt auf. Sesseln scharren, Kapuzen rascheln, und achtundzwanzig Schüler:innen aus der 7. Schulstufe lehnen sich vor, während die Englischlehrerin Minecraft startet. Klassische Romane liegen unberührt auf einem Seitenregal, Rücken unaufgeschlagen, wie Museumsstücke in einem Raum voller Screens.
Hinten in der Klasse tauschen zwei Eltern am Hospitationstag einen fassungslosen Blick aus. Sie sind damit aufgewachsen, über Shakespeare-Monologe zu diskutieren – nicht damit, virtuelle Burgen zu bauen, um „Erzählstruktur zu erkunden“. Einer flüstert: „Gilt das jetzt als Lesen?“
Draußen am Gang tippt ein anderer Elternteil schon an einem wütenden Facebook-Posting.
Der neue Kanon leuchtet in 4K.
Von zerlesenen Büchern zu leuchtenden Bildschirmen: Was hat sich da grad verändert?
Gehst heuer in viele Mittelschulen und Oberstufen, merkst du’s sofort. Das leise Rascheln von Seiten ist ersetzt worden durch das sanfte Klicken von Controllern und das Summen von Tablets, die sich in Roblox, Minecraft oder storylastige Games einloggen.
Lehrer:innen nennen das „gamifizierte Literacy“ und „multimodale Narrative“. Eltern nennen’s anders: das langsame Verschwinden jener Bücher, die ihre eigene Kindheit geprägt haben.
Zwischen Budgetkürzungen, Lehrplanreformen und einer Flut an Ed-Tech-Pitches ist das Klassenzimmer zum Schlachtfeld geworden, wo Dickens und Dante plötzlich mit Fortnite um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Ein Vorstadtbezirk in den USA hat diesen Herbst still und leise „Die Odyssee“ aus der 9.-Schulstufen-Liste gestrichen und stattdessen ein erzählstarkes Rollenspiel eingeführt. Offiziell hieß es, man würde die Schüler:innen „dort abholen, wo sie stehen“.
Als die Nachricht über ein geleaktes E-Mail bei den Eltern ankam, war die anschließende PTA-Sitzung brechend voll. Manche Eltern bezeichneten das als „akademische Faulheit im Innovationsgewand“. Andere gaben – ein bissl kleinlaut – zu, dass ihre Kinder ohnehin keine zehn Seiten Homer geschafft hätten.
Screenshots aus dem Spiel wurden herumgereicht wie Schmuggelware. Ein Vater schüttelte den Kopf und murmelte: „Mein Kind grindet Loot, statt über Götter und Monster zu lesen.“
Unter der Empörung liegt eine nüchterne Wahrheit: Schulen stehen von allen Seiten unter Druck. Bezirke werden nach Engagement-Daten genauso beurteilt wie nach Testergebnissen – und Engagement ist die eine Kennzahl, bei der Videospiele alles zerlegen.
Ed-Tech-Firmen marschieren bei Schulbehörden mit Hochglanzfolien auf: Aufmerksamkeitsspannen rauf, Fehlzeiten runter, Lesescores „stabilisiert“. Ein verpixelter Held am Screen wirkt leichter finanzierbar als ein abgegriffenes Exemplar von „Von Mäusen und Menschen“.
Darum geht’s beim Shift nicht nur um Geschmack. Es geht um Geld, Messwerte und eine Kultur, die Neuheit anbetet. Ein 400-Seiten-Klassiker passt halt nicht sauber in ein Dashboard-Diagramm.
Wie du reagierst, wenn der „Englischunterricht“ deines Kindes wie ein Twitch-Stream ausschaut
Bevor du das wütende E-Mail abschickst: einmal durchatmen und echte Details sammeln. Lass dir von deinem Kind Schritt für Schritt erklären, was in diesen Gaming-Einheiten passiert. Lesen sie Dialoge, schreiben sie Reflexionen, vergleichen sie Spielnarrative mit Büchern – oder laufen sie einfach frei in einer virtuellen Welt herum?
Dann verlang den Unit-Plan von der Lehrperson. Eine einfache Frage kann das ganze Gespräch drehen: „Welche Lese- und Schreibziele erreichen die Schüler:innen durch dieses Spiel?“
Wenn du’s schwarz auf weiß siehst, weißt du, ob das ein durchdachtes Experiment ist – oder reine Ablenkung, die als Pädagogik verkauft wird.
Viele Eltern springen sofort zu den Worst-Case-Szenarien, und dann wird’s schnell grindig. Die Lehrperson fühlt sich angegriffen, die Eltern fühlen sich abgeblockt, und das Kind steckt in der Mitte und fragt sich, warum plötzlich alle so extrem an den Hausaufgaben hängen.
Probier’s anders. Bitte um eine Hospitation – notfalls auch virtuell – und zwar ohne Urteil im ersten Mail. Schreib, dass du neugierig bist, nicht grantig. Diese eine Tonänderung kann Türen aufmachen statt zuschlagen.
Und ehrlich: Niemand liest in der Schule wirklich jeden Klassiker von vorne bis hinten. Aber es ist ein Unterschied, ob man „Macbeth“ überfliegt – oder Shakespeare nie begegnet.
Bei der nächsten Schulkonferenz oder Sitzung der Bildungsdirektion/Schulbehörde kannst du vorbereitet hingehen statt nur angefressen. Nimm konkrete Fragen mit, nicht nur Nostalgie. Und geh, wenn möglich, nicht allein.
Eltern, die gehört werden, sind meistens jene, die mit Konkretem kommen – nicht nur mit Gefühlen. Ein Schulvorstandsmitglied hat mir gesagt: „Die lautesten Stimmen sind immer emotional. Die wirksamsten sind die, die einen Unit-Plan in der einen Hand halten und eine Testkurve in der anderen.“
- Frag nach, welche Klassikertexte (wenn überhaupt) in jeder Schulstufe weiterhin verpflichtend sind.
- Fordere eine Balance: eine spielbasierte Einheit, ein traditioneller Roman, ein zeitgenössischer Text.
- Schlag eine Pilotphase vor statt eines kompletten Ersatzes von Literatur.
- Reg’ transparente Kriterien an, wie der Einfluss des Spiels auf Lesen und Schreiben bewertet wird.
- Biete an, in einer Eltern–Lehrer:innen-Arbeitsgruppe zu Lehrplanänderungen mitzuarbeiten.
Jenseits der Empörung: Was sollen unsere Kinder aus Geschichten eigentlich mitnehmen?
Wenn man die Schlagzeilen und Facebook-Rants wegschält, kommt was Weicheres zum Vorschein: Erwachsene, die Angst haben, eine Brücke zu ihren Kindern zu verlieren. Viele Eltern haben Empathie, Zwischentöne und Geduld durch langsames Lesen gelernt. Sie sorgen sich, dass eine dreiminütige Cutscene nicht dieselbe Arbeit leisten kann wie 300 Seiten leiser Kampf.
Gleichzeitig schreiben manche Schüler:innen, die nie einen einzigen Pflichtroman fertig gelesen haben, plötzlich lange, ehrliche Analysen über die moralischen Entscheidungen einer Spielfigur. Das ist nicht nichts. Die Frage ist, ob dieser neue Weg eine Tür zur Literatur aufmacht – oder sie still und leise ersetzt.
Vielleicht ist das Klassenzimmer der Zukunft nicht „Bücher oder Games“, sondern ein sorgfältiges Verweben von beidem. Ein Kapitel aus „Frankenstein“ neben einem Horror-Game-Level. Eine Passage aus „Der Odyssee“ neben einem Quest-Log. Ein Kind, das lernt, dass Geschichten auf Papier und am Screen leben können – und dass tiefes Lesen in beiden Fällen dasselbe verlangt: Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Unbehagen auszuhalten.
| Kernpunkt | Detail | Wert für Leser:innen |
|---|---|---|
| Abklären, was wirklich passiert | Unit-Pläne anfordern, Unterricht beobachten, nach Lernzielen fragen | Hilft dir, mit Fakten zu argumentieren statt mit Angst |
| Für Balance statt Verbote eintreten | Mix aus Klassikern, zeitgenössischen Texten und narrativen Games einfordern | Schützt Literatur und lässt sinnvolle Innovation zu |
| Langfristig dranbleiben | In Lehrplangremien mitarbeiten, Sitzungen besuchen, Pilot-Ergebnisse verfolgen | Gibt dir echte Mitsprache, was dein Kind liest und spielt |
FAQ:
- Ersetzen Videospiele wirklich in allen Schulen klassische Bücher? Nicht überall, aber manche Bezirke reduzieren oder streichen bestimmte Klassiker zugunsten spielbasierter Einheiten – besonders in der Mittelstufe.
- Können narrative Games tatsächlich Lesekompetenzen aufbauen? Sie können Wortschatz, Schlussfolgern und kritisches Denken unterstützen, vor allem wenn sie mit Schreibaufgaben kombiniert werden – aber sie bieten selten dieselbe Tiefe oder Komplexität wie vollwertige klassische Texte.
- Was soll ich tun, wenn die Schule meines Kindes einen wichtigen Klassiker gestrichen hat? Frag zuerst nach Begründung und Ersatzmaterialien, dann organisier eine kleine Gruppe Eltern, die eine ausgewogene Leseliste fordert statt eines kompletten Zurückruderns.
- Ist es grundsätzlich falsch, wenn Lehrer:innen im Englischunterricht Games einsetzen? Nein. Sparsam und durchdacht eingesetzt können Games lesemüde Kinder abholen und Diskussionen anstoßen; problematisch wird’s, wenn sie Bücher komplett verdrängen.
- Wie halte ich mein Kind daheim mit klassischer Literatur verbunden? Lest oder hört Klassiker gemeinsam, schaut Verfilmungen, redet über Themen, und lass dein Kind mitentscheiden, welche Werke ihr zuerst angeht – damit’s sich nach Entdecken anfühlt, nicht nach Strafe.
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