Die Frau beim Busticket-Automaten hält einen Zehn-Pfund-Schein wie einen Rettungsanker. Ihre Hände zittern leicht, während am Bildschirm immer wieder dieselbe Meldung aufblinkt: „Nur Karte oder App. Kein Bargeld.“ Hinter ihr rückt eine Reihe Pendler*innen unruhig nach, seufzt, schaut aufs Handy. Ein junger Mann macht einen Schritt nach vorn. „Soll i’s dir mit meinem Handy zahlen?“, bietet er an. Sie zögert, die Wangen werden rot, und sie weiß nimmer so recht, wo die Peinlichkeit hingehört – zu ihr oder zu einer Stadt, die auf einmal nimmer ihre Sprache spricht.
Sie geht ohne Ticket weg.
Auf der Bank faltet sie den unbenutzten Schein zurück in die Geldbörse, als würd sie damit ein ganzes Zeitalter zusammenfalten. Irgendwas ist still und leise gerissen.
Wenn die eigene Stadt dein Geld nimmer nimmt
In dutzenden Städten passiert grad eine stille Revolution an der Kassa. Über Nacht tauchen Schilder auf: bei Bim-Ticketautomaten, Parkscheinautomaten, in Kantinen und im Gemeindebad: „Nur digitale Zahlung – kein Bargeld.“ Für alle mit Smartphone und stabilem Internet ist’s eine kleine Umstellung. Für viele ältere Bewohner*innen fühlt es sich an, als würd man sie aus dem Alltag aussperren – mit einer Sprache, die sie nie gelernt haben.
Du „vergisst das Geldbörsel“ nimmer. Dein Geldbörsel zählt auf einmal einfach nimmer.
Frag in jedem Grätzl mit vielen älteren Leuten herum, und du hörst immer wieder dieselben Geschichten. Die 82-Jährige, die nimmer auf den Markt geht, weil mehrere Standln keine Münzen mehr nehmen. Der Witwer, der das Busgeld noch immer in einem Kuvert neben der Tür hat – und dann merkt, dass der Fahrer ihn nur mehr auf einen QR-Code zeigt, den er gar nicht lesen kann.
Lokale Hilfsorganisationen berichten von mehr Anrufen: verwirrte, beschämte Stimmen, die fragen, ob sie „überhaupt dürfen“, Gemeindedienste bar zu zahlen, oder ob man sie wegschickt. Es geht nimmer nur ums Geld. Es geht um Würde.
Stadtverantwortliche rahmen den Umstieg gern als Fortschritt: schnellere Schlangen, weniger Überfälle, sauberere Buchhaltung. Sie reden von Effizienz, Modernisierung, dem globalen Trend zur bargeldlosen Gesellschaft. Am Papier klingt das logisch. In der Realität passt die Einführung selten zu den Hochglanzfolien.
Digital-only setzt voraus, dass alle ein Smartphone haben, eine Bankomat- oder Kreditkarte, verlässlichen Strom, genug Sehvermögen für kleine Bildschirme und Finger, die fein genug sind, winzige Symbole anzutippen. Diese saubere Vision prallt auf Arthrose, niedrige Pensionen, ländliche Gewohnheiten, Misstrauen gegenüber Banken, wackeliges WLAN – und Erinnerungen an Zeiten, in denen Bargeld unterm Kopfpolster das Einzige war, was Familien über Wasser gehalten hat.
Wie aus „kein Bargeld“ „kein Zugang“ wird – und was man tun kann
Der Umstieg passiert selten von heut auf morgen. Es fängt an mit „Karte bevorzugt“, dann „Kontaktlos erwünscht“, und irgendwann ist der alte Geldschlitz am Automaten mit einem Stückerl Klebeband zugepickt. Ein praktischer Schritt, den Städte oft auslassen: echte Tests mit älteren Bewohnerinnen, bevor man umstellt. Ein einfacher Durchgang mit ein paar Pensionistinnen beim Ticketautomaten, am Bibliotheksschalter oder beim Parkautomaten zeigt sofort die kleinen Reibungen, die Jüngere, die digital aufgewachsen sind, gar nimmer wahrnehmen.
Ein g’scheiter Rollout heißt: eine Zeit lang parallele Systeme, mit klaren Terminen, klarer Beschilderung – und echten Menschen vor Ort, die helfen, die Lücke zu überbrücken.
Der größte Fehler mancher Rathäuser ist die Annahme, dass „Workshops zur digitalen Teilhabe“ alles wie von Zauberhand lösen. Wir kennen alle diesen Moment, wenn wer, der halb so alt ist, dir die Maus aus der Hand nimmt und das dann „Schulung“ nennt. Für viele Senior*innen geht’s nicht nur ums App-Lernen. Es geht um Angst vor Betrug, davor, den falschen Knopf zu drücken, davor, Geld zu verlieren, das sie nicht ersetzen können.
Ein freundlicherer Zugang schaut ganz anders aus: geduldige, wiederholte Demos in Nachbarschaftszentren, offene Sprechstunden in Bibliotheken, freiwillige „Digital-Buddys“, die nebeneinander sitzen – nicht über der Schulter hängen. Und ganz wichtig: an essenziellen Stellen zumindest eine Bargeld-Option offenlassen, während Vertrauen langsam wächst.
Ombudsstellen in mehreren Ländern warnen schon vor einem Stadtleben in zwei Klassen: glatt und nahtlos für die Vernetzten, blockiert und demütigend für alle anderen. Ein Ombudsmann hat’s so zusammengefasst:
„Wir haben das System modernisiert“, sagen’s uns stolz. Das Problem ist: Sie haben eine ganze Generation vergessen, mitzunehmen.
Damit es nicht zu dieser Spaltung kommt, folgen Städte, die Richtung digitale-only Zahlungen gehen, ohne Leute zurückzulassen, oft ein paar bodenständigen Prinzipien:
- Bargeld für Kernleistungen behalten: Öffis, grundlegende Gemeindeämter, gesundheitsbezogene Gebühren.
- Änderungen Monate vorher ankündigen – auf Papier, im Radio und über persönliche Kanäle, nicht nur online.
- Hilfepunkte mit Menschen einrichten, nicht nur QR-Codes und Chatbots.
- Mit lokalen Banken zusammenarbeiten, damit Bargeld weiterhin leicht verfügbar bleibt – und nicht gleichzeitig Filialen in denselben Bezirken zusperren, die „cashless“ werden.
- Seniorenbeiräte und Behindertenorganisationen regelmäßig neue Systeme testen lassen, bevor man sie groß ausrollt.
Seien wir ehrlich: Kaum wer liest eine 40-seitige „Digital-Transformationsstrategie“ – aber jeder merkt’s, wenn man plötzlich nimmer fürs Busticket zahlen kann.*
Eine Stadt, die auch für Menschen funktioniert, die nicht wischen und tippen
Hinter der Empörung über Bargeldverbote steckt eine einfache Frage: Für wen ist eine Stadt eigentlich gebaut? Technologie nennt sich gern neutral, obwohl sie still und leise Partei ergreift. Eine Park-App will eine 87-Jährige, die noch mit Münzen zahlt, nicht ausschließen – aber genau das passiert, wenn Parkautomaten nur mehr per App gehen und der nächste Bankomat schon vor zwei Jahren abgebaut wurde.
Manche Gemeinden rudern nach öffentlichem Druck zurück und führen wieder begrenzte Bargeldmöglichkeiten ein. Andere verdoppeln ihren Einsatz fürs „Future-Proofing“ und glauben, der Widerstand erledigt sich, wenn ältere Generationen irgendwann weg sind. Diese kalte Rechnung ignoriert Menschen jeden Alters, die mit Behinderung, Schulden oder Misstrauen gegenüber digitalen Systemen leben – und sie unterschätzt, wie lang Leute sich daran erinnern, dass man sie an den Rand gedrängt hat.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leser*innen |
|---|---|---|
| Inklusives Design | Zahlungssysteme mit älteren und vulnerablen Bewohner*innen testen, bevor Bargeld abgeschafft wird | Hilft, in der eigenen Stadt für realistische, menschenzentrierte Einführungen zu argumentieren |
| Parallele Optionen | Für essenzielle Leistungen Bargeld und digital parallel führen – mit klaren Zeitplänen | Liefert eine konkrete Forderung, die Bürger*innen an Verantwortliche stellen können |
| Menschliche Unterstützung | Helfer*innen vor Ort, lokale Workshops und Netzwerke von „Digital-Buddys“ aufbauen | Zeigt praktische Wege, wie Communities jene schützen können, die durch Bargeldverbote ausgeschlossen werden |
FAQ:
- Frage 1: Kann eine Stadt rechtlich Bargeld für öffentliche Leistungen ablehnen?
Das hängt vom Land ab und davon, wie Regeln rund um „gesetzliches Zahlungsmittel“ ausgelegt werden. In vielen Regionen dürfen Behörden Zahlungsbedingungen für bestimmte Leistungen festlegen. Gleichzeitig prüfen Gerichte zunehmend, ob digitale-only Regeln bei Öffis, Gesundheitsleistungen oder Steuern gegen Grundsätze des gleichberechtigten Zugangs verstoßen.- Frage 2: Werden ältere Menschen durch digitale-only Systeme wirklich so ausgeschlossen?
Umfragen aus europäischen und nordamerikanischen Städten zeigen konstant: Ein relevanter Anteil der Über-70-Jährigen hat kein Smartphone, kein Online-Banking oder sehr wenig digitales Vertrauen. Für diese Menschen macht das Entfernen von Bargeld nicht nur alles langsamer – es kann heißen: nimmer fahren, nimmer rechtzeitig zahlen oder Orte meiden, wo sie öffentliche Blamage fürchten.- Frage 3: Ist „cashless“ für Städte sicherer und billiger?
Es gibt Vorteile: weniger Bargeldtransport, geringeres Überfallsrisiko, schnellere Abrechnung. Diese Gewinne müssen aber gegen soziale Kosten abgewogen werden – mehr Isolation, versäumte Zahlungen, mehr Menschen, die Unterstützung brauchen. Das steht selten in der Bilanz, ist aber in den Communities schnell spürbar.- Frage 4: Was können Familien tun, damit ältere Angehörige besser zurechtkommen?
Kleine, praktische Schritte wirken am besten: eine einfache Zahlungskarte mit niedrigen Limits einrichten, gemeinsam an ruhigen Tagen eine einzige App üben, klare Schritt-für-Schritt-Anleitungen aufschreiben und wichtige Orte (Haltestellen, Ambulanzen, Ämter) gemeinsam besuchen, damit neue Abläufe geprobt sind, bevor wer allein ist.- Frage 5: Wie können Bewohnerinnen gegen unfairen Bargeldausschluss auftreten?
Lokal anfangen: mit Gemeinderätinnen reden, der Verkehrsgesellschaft schreiben, Berichte Betroffener sammeln und konkrete Lösungen vorschlagen – etwa ein weiterhin besetztes Kassenfenster, einen wieder aufgestellten Ticketautomaten oder eine Verschiebung des Verbots, bis Schulungen und Unterstützung wirklich da sind. Öffentlicher Druck hat schon mehrere Städte dazu gebracht, „digital only“ Pläne zu überdenken.
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