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Gewichtsverlust um jeden Preis: Warum Leute Warnungen vor Erblindung ignorieren und weiter Ozempic nehmen.

Ein Mann sitzt im Badezimmer, hält eine Injektionsspritze und sieht nachdenklich aus, im Hintergrund Waage und Medikamente.

Die Krankenschwester fragt sie zum allerletzten Mal: „Ihnen san die Risiken eh bewusst, oder? Sehprobleme, sogar Blindheit is schon gemeldet worden.“

Sophie unterschreibt das Formular, ohne wirklich aufzuschauen. Ihre Augen picken an etwas ganz anderem: an der Zahl auf der Waage, die nach Jahren des Steigens endlich zum Fallen angefangen hat. Sie klammert ihr Handy mit Fotos vom letzten Sommer, die sie noch immer nicht anschaut, zoomt in ihren Bauch, ihr Kinn, ihre Arme. Sehverlust? Das wirkt abstrakt. Die Größe ihrer Jeans is es nicht.

Draußen im Wartezimmer scrollen drei Leute durch Reels mit Ozempic-„Vorher/Nachher“-Videos, Daumen fliegen, Augen weit, Entscheidung längst gefallen.

Abnehmen jetzt. Sorgen später.

Wenn die Angst vorm Dicksein realer wirkt als die Angst, blind zu werden

In den Untersuchungszimmern und in den Gruppen-Chats fällt eins sofort auf: Viele hören die Warnungen über Ozempic und Sehverlust sehr wohl. Sie lassen sie nur vom Hirn abperlen wie Wasser von einer Regenjacken. Die Angst, im gleichen Körper zu bleiben, schlägt oft die Angst vor einer Komplikation, die weit weg wirkt oder „nur andere“ trifft.

Wennst jahrelang Spiegel gemieden hast oder dich in Oversize-Pullis versteckt hast, kann „Blindheit“ seltsam theoretisch klingen. Die Waage is nicht theoretisch. Die Blicke beim Familienessen san nicht theoretisch.

Nimm Michael, 39. Er hat mit Ozempic off-label angefangen, nachdem er gesehen hat, wie ein Kollege in ein paar Monaten 20 Kilo verloren hat. Sein Augenarzt hat frühe Zeichen einer Retinopathie entdeckt. Der Spezialist hat ihm tatsächlich gesagt: „Sie sollten das Medikament absetzen, zumindest pausieren, wir fühlen uns damit nicht wohl.“

Michael ist rausgegangen, hat sich ins Auto gesetzt, TikTok aufgemacht und wieder ein Video angeschaut, wo ein Typ seine „Ozempic-Ergebnisse nach einem Monat“ zeigt. Bis das Video aus war, war seine Entscheidung schon da: Er wird’s „im Auge behalten“, aber bei der Spritze bleiben. „I kann nimmer zurück“, hat er zu mir gesagt. „I war noch nie so nah an dem Körper, den i immer haben wollt.“

Von außen wirkt das irrational. Von innen is es brutal logisch. Sehverlust is ein Risiko, das vielleicht passiert – später, eventuell, in Zahlen und Prozenten. Die Scham, in jedem Gruppenfoto „der/die Dicke“ zu sein, is Gewissheit – jetzt, sofort. Unser Hirn is so verdrahtet, dass es unmittelbare Erleichterung über langfristige Sicherheit stellt, besonders wenn Scham und sozialer Druck lauter schreien als Statistiken. Und ehrlich: Kaum wer liest jede Zeile vom Beipackzettel, als würd das eigene Leben davon abhängen.

Wie sich Leute einreden, die roten Flaggen zu ignorieren

Da läuft ein leises Drehbuch im Kopf von vielen ab, wenn Ärzt:innen Blindheitswarnungen erwähnen. Erster Satz: „Das müssen’s halt sagen.“ Dann: „Mir passiert das nicht, i bin nicht so a Pechvogel.“ Und dann der K.o.-Gedanke: „I hör eh auf, wenn wirklich was Ernstes passiert.“

Diese innere Verhandlung schaut an der Oberfläche fast harmlos aus. In Wirklichkeit is es derselbe mentale Trick wie beim Rauchen, Solarium oder zu schnellem Fahren in der Nacht. Wir schieben die Gefahr in irgendeine ferne Ecke vom Kopf und nehmen uns den unmittelbaren Kick aus Kontrolle und Komfort.

Eine Frau, die i interviewt hab, Elsa, 32, hat mit Semaglutid schon 18 Kilo verloren. Wie ihr eine Freundin einen Artikel über mögliche Zusammenhänge zwischen diesen Medikamenten und schweren Augenproblemen geschickt hat, hat sie mit einem lachenden Emoji und einem Satz geantwortet: „Mein einziges Problem is endlich Jeans zu finden, die passen.“ Später hat sie was Rohes zugegeben. „Wenn i mit 60 blind werd, aber i mich mit 32 attraktiv fühlen darf, i weiß nicht, ob i’s tauschen würd“, hat sie leise gesagt.

Das is der Teil, den wir selten laut sagen: Für viele wirkt der Horror, nie begehrenswert zu sein, schlimmer als eine medizinische Komplikation ohne Gesicht und ohne Datum.

Psycholog:innen reden von „Present Bias“, aber der Begriff deckt kaum den emotionalen Vulkan unter diesen Entscheidungen ab. Wenn Kultur uns von klein auf beibringt, dass Fett „Versagen“ is und Dünn „Erfolg“, dann werden Risikorechnungen gehackt. Ein Medikament, das schnellen Gewichtsverlust verspricht, landet nicht in einer neutralen Welt. Es landet in Körpern, die schon voller blauer Flecken sind – von Kommentaren, Mobbing, Ärzt:innen, die die Augen verdrehen, Partnern, die „sich Sorgen um deine Gesundheit“ machen. In so einem Kontext wird eine Boxed Warning nur noch ein weiteres Geräusch in einem Leben, wo die Hauptbotschaft immer war: Werd kleiner oder sei unsichtbar.

Schritte, um die Augen zu schützen, ohne den eigenen Körper aufzugeben

Es gibt einen feineren Weg, auch wenn Social Media ihn selten zeigt. Der erste Schritt is basic, fast fad: Augen-Basischeck. Bevor du mit Ozempic oder ähnlichen Medikamenten anfängst – besonders wenn du Diabetes oder hohen Blutdruck hast – ist eine Netzhautkontrolle kein Drama, sondern Daten. Du weißt, wo du startest.

Dann geht’s ums Beobachten. Nicht obsessiv, nicht stündlich. Aber merken, wenn plötzlich „Mouches volantes“ (Glaskörpertrübungen) auftauchen, Lichtblitze, verschwommenes Sehen oder dunkle Flecken. Das is nicht „paranoid sein“. Das is dein Körper, der dir eine Schlagzeile liefert.

Eine andere hilfreiche Geste is brutal simpel: Nimm wen mit zu Terminen. Freund:in, Partner:in, Geschwister. Wenn der/die Arzt/Ärztin Risiko, Dosierung und frühe Warnzeichen erklärt, kann dein Hirn halb eingefroren sein – vor Hoffnung oder Angst. Ein zweites Paar Ohren hört Dinge, die du emotional grad nicht packst.

Viele schämen sich zu fragen: „Können S’ das bitte noch einmal erklären?“ oder „Was heißt das konkret für mich?“ Niemand will unwissend oder „schwierig“ wirken. Dabei sind oft genau die Patient:innen, die die „nervigen“ Fragen stellen, am Ende besser geschützt.

Manchmal is der ehrlichste Satz, den ein Arzt sagen kann: „Das Medikament kann Ihr Leben zum Guten verändern und Ihnen trotzdem schaden. Reden wir drüber, wie viel Risiko Sie wirklich eingehen wollen.“

So ein Gespräch passiert selten in zehn gehetzten Minuten zwischen zwei Wartezimmern.

  • Praktische Checks vor dem Start
    Vollständige Augenuntersuchung, HbA1c (wenn du Diabetes hast), Blutdruck, Medikationsliste auf Wechselwirkungen prüfen.

  • Fragen, die du zum Arzttermin mitnehmen kannst
    „Hab i schon irgendwelche Augenschäden?“, „Welche Frühzeichen sollen dazu führen, dass i sofort aufhör?“, „Wie oft wollen S’ mich kontrollieren?“

  • Rote Flaggen, die dringend abgeklärt gehören
    Plötzlich stark verschwommenes Sehen, teilweiser Sehverlust, „schwarzer Vorhang“-Effekt, starke Augenschmerzen oder ein rascher „Schauer“ an vielen Floatern.

Zwischen Dünnsein, Angst und dem Recht, z’ögern

Dass Leute trotz Blindheitswarnungen an Ozempic festhalten, sagt was Unangenehmes über uns als Gesellschaft. Wenn Abnehmen als moralische Pflicht gerahmt wird, fast wie eine Erlösungsgeschichte, verschwindet medizinische Nuance. „I hab Angst vor den Nebenwirkungen“ kann sich in manchen Kreisen anfühlen wie ein Eingeständnis, dass man’s „nicht wirklich genug will“. Also bleiben Leute still, spritzen heimlich oder spielen Symptome runter, damit sie ihr Ticket raus aus dem Körper, den sie hassen gelernt haben, nicht verlieren.

Es gibt noch eine Schicht, die wir selten benennen: Vertrauen. Viele Patient:innen, die jahrelang erlebt haben, wie sie wegen ihres Gewichts von Ärzt:innen abgetan wurden, fühlen sich endlich ernst genommen, wenn ihnen Ozempic angeboten wird. Wenn dasselbe System dann plötzlich über „seltene, aber schwere Risiken“ spricht, klingt das für manche wie noch ein Versuch, ihren Körper zu kontrollieren. Skepsis wird fast zum Überlebensreflex. Medizinisches Stigma verlernst nicht einfach, nur weil plötzlich ein neues Rezept am Tisch liegt.

Wir kennen alle diesen Moment, wo ein Shortcut lauter flüstert als die Vorsicht. Die Frage is nicht, ob Leute Ozempic „nehmen sollen“ oder nicht. Die Frage is, ob sie sich wirklich erlaubt fühlen, zu z’ögern. Erlaubt zu sagen: „Ja, i will abnehmen. Nein, i will mein Augenlicht nicht opfern, ohne zu verstehen warum.“ In dem Raum zwischen diesen zwei Sätzen lebt echte Einwilligung. Und dort fängt bessere Medizin an – weit weg von viralen Vorher/Nachher-Videos und näher bei ehrlichen, unordentlichen Gesprächen, die keiner für Klicks filmt.

Kernaussage Detail Nutzen für dich
Risiko wirkt abstrakt Blindheitswarnungen erscheinen oft weit weg im Vergleich zur täglichen Körperscham Hilft zu verstehen, warum man Nebenwirkungen leicht kleinredet
Monitoring is möglich Augen-Basischecks und klare Red-Flag-Symptome bauen ein Sicherheitsnetz Gibt konkrete Schritte, um Risiko zu senken, ohne in Panik zu verfallen
Gespräch is ein Recht „Harte“ Fragen an Ärzt:innen sind Teil echter Einwilligung Stärkt dich, Behandlung auszuhandeln statt nur abzunicken

FAQ:

  • Kann Ozempic wirklich Blindheit auslösen? Aktuelle Daten deuten auf ein erhöhtes Risiko für bestimmte Augenprobleme hin, besonders bei Menschen mit Diabetes oder bestehender Retinopathie, aber die Forschung entwickelt sich noch.
  • Wie schnell können Augenprobleme nach Beginn auftreten? In manchen Fällen wurden Veränderungen innerhalb von Wochen bis Monaten berichtet – darum sind frühe und regelmäßige Augenchecks wichtig.
  • Soll i Ozempic beim ersten Anzeichen von verschwommenem Sehen absetzen? Jede plötzliche Sehverschlechterung gehört dringend ärztlich abgeklärt; nur ein Arzt/eine Ärztin, der/die deine Vorgeschichte kennt, kann über Absetzen oder Anpassen entscheiden.
  • Gibt’s sicherere Alternativen zum Abnehmen? Lebensstiländerungen, andere Medikamente, bariatrische Chirurgie und psychologische Unterstützung gibt’s – alles mit eigenen Risiken und Vorteilen.
  • Was, wenn mein Arzt meine Angst vor Blindheit abtut? Du hast Anspruch auf eine Zweitmeinung und kannst um eine Überweisung zu einer/m Augenfachärzt:in bitten, der/die dein persönliches Risiko genauer einschätzt.

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