Auf der U‑Bahn um 7:12 Uhr in der Früh hängt die Luft schwer von Schlaf und Studienkrediten. Ein silberhaariger Mann im geschniegelt sitzenden dunkelblauen Sakko scrollt durch Fotos von einem Strand, einem goldenen Labrador, einer lächelnden Frau mit einem Weinglas. Auf seinem Handy-Hintergrund steht: „In Pension & lieb’s.“ Gegenüber sitzt eine junge Frau in einem ausgeblichenen Hoodie und schaut hinüber, der Daumen schwebt über ihrer Banking-App, die Augen festgenagelt am negativen Kontostand.
Sie hacklt in zwei Jobs und wohnt trotzdem noch bei Fremden, die sie über den Facebook Marketplace gefunden hat.
Wenn der Zug stehen bleibt, steigt der Pensionist ganz ruhig aus und redet über seine nächste Kreuzfahrt. Die junge Frau bleibt wie festgeklebt sitzen und rechnet im Kopf Zahlen durch, die einfach nicht aufgehen wollen.
Eine Generation plant Reisen.
Die andere fragt sich, ob sie überhaupt jemals aufhören wird zu arbeiten.
Wie „Pension“ zu einem Traum auf dem Zeitplan von jemand anderem geworden ist
Über Jahrzehnte hinweg ist die Pension als Happy End der Arbeitsbiografie verkauft worden. Du schuftest 40 Jahre, stempelst ein und aus, kriegst eine goldene Uhr und verschwindest dann in einem Sonnenuntergang aus Kreuzfahrten und Golfplätzen. Dieses Drehbuch läuft immer noch in Werbungen und politischen Sonntagsreden.
Aber geh einmal um 20 Uhr durch irgendeine Großstadt und zähl die Essenszusteller*innen über 40. Schau dir die „Consultants“ an, die ihren Job „freiwillig“ verlassen haben und dann still und leise Freelance-Gigs annehmen, damit’s sich irgendwie ausgeht.
Die offizielle Geschichte und die auf der Straße passen nimmer zam.
Nimm Tom, 32, Softwareentwickler, eigentlich das Vorzeigebeispiel für finanzielle Sicherheit. Er verdient gut, lebt bescheiden, hat kein Auto und trackt jede Ausgabe in einer Excel-Tabelle, vor der die meisten Buchhalter*innen Respekt hätten.
Trotzdem bleibt nach Miete, Studienkrediten, Krankenversicherung und ein bissl Sparen vom Gehalt fast nix über. Wenn er einen Pensionsrechner aufmacht, schaut die prognostizierte Zahl … fake aus. Laut dem Ding müsste er jeden Monat mehr sparen, als er überhaupt verdient.
Tom lacht, dann macht er den Tab zu. Es gibt eine Grenze, wie lang man auf unmögliche Mathematik starren kann.
Daher kommt diese leise Bitterkeit. Für viele jüngere Hackler*innen fühlt sich die Idee, mit 60 oder 65 aufzuhören, nicht nur unwahrscheinlich an. Sie wirkt wie eine Fantasie, mitfinanziert durch ihre Steuern und schlecht bezahlte Arbeit, hübsch verpackt für Leute, die billigere Wohnungen, niedrigere Studiengebühren und stabilere Jobs gehabt haben.
Pension schaut plötzlich aus wie ein Luxusprodukt. Wie eine Designer-Tasche, die man im Schaufenster bewundern soll, während man eh weiß, dass man sie nie besitzen wird.
Und wenn ein Luxus von Leuten finanziert wird, die sich nicht einmal die Basics leisten können, fühlt sich das irgendwann … egoistisch an.
Wie man lebt in einer Welt, in der „Pension“ vielleicht nie ankommt
Eine harte neue Regel verbreitet sich leise: Plan dein Leben nicht rund um eine Ziellinie, die alle zehn Jahre weiter nach hinten rutscht. Die erste praktische Umstellung ist im Kopf. Statt „arbeiten, dann Pension“ designen mehr junge Menschen ihr Leben nach „Zyklen aus Arbeit und Erholung“.
Das kann nach Mini-Pension ausschauen: drei Monate frei zwischen zwei Jobs. Ein Jahr Teilzeit hackln und dafür irgendwo günstiger wohnen. Unbezahlte Pausen nehmen, ohne es als Scheitern zu verbuchen.
Das Ziel ist nicht, das System auszutricksen. Es geht darum, nicht auf eine magische Lebensphase in der Zukunft zu warten, sondern sich ein bissl von diesem „In Pension & lieb’s“-Gefühl mitten in den chaotischen Alltag reinzuschmuggeln.
Trotzdem gibt’s da eine Falle. Manche hören „Pension ist ein Mythos“ und kippen ins andere Extrem: kein Sparen, kein Polster, „man lebt nur einmal“ plus Kreditkartenschulden.
Du hast das wahrscheinlich schon um 1 in der Früh in einer Bar erlebt: Wer sagt: „A Haus werden wir eh nie besitzen, dann bestellen wir halt noch eine Runde.“ Klingt rebellisch. Ist einfach nur teure Verzweiflung.
Der Trick ist, die Kaputtheit vom System anzuerkennen, ohne daraus Selbstsabotage zu machen. Du kannst die Fairness der klassischen Pension in Frage stellen und trotzdem etwas für dein zukünftiges Ich zurücklegen – auch wenn’s ein kleinerer, bescheidenerer Haufen ist als bei deinen Eltern. Dein zukünftiges Ich taucht irgendwann auf – egal, ob das Pensionssystem dann noch so funktioniert oder nicht.
„Pension“, sagt die Ökonomin Hélène M., „war für eine Welt gedacht, in der Menschen einen Arbeitgeber, eine Karriere und eine stabile Wohnsituation gehabt haben. Diese Welt ist weg. Übrig bleibt eine chaotische, improvisierte Mischung aus Arbeit und Erholung, die Ehrlichkeit, Flexibilität und Solidarität zwischen den Generationen verlangt.“
- Hör auf, das alte Drehbuch zu verehren
Stell das 40‑Jahre‑dann‑nichts‑Modell in Frage, statt still daran zu scheitern. - Bau Mikro-Sicherheit auf
Kleine, regelmäßige Beträge, ein Notgroschen und Skills, die du in jedem Alter verkaufen kannst, schlagen große, unrealistische Masterpläne. - Plan Erholung so wie Arbeit
Trag Pausen, Sabbaticals und ruhigere Phasen in dein Lebensdesign ein – nicht nur in deine Fantasien. - Red über Geld – laut
Teil Zahlen, Druck und Ängste mit Freund*innen und Familie, damit du dich nicht im Stillen kaputt fühlst.
Was, wenn Aufhören zu arbeiten nie das eigentliche Ziel war?
Da gibt’s eine unangenehme Möglichkeit, die wir selten laut aussprechen: Vielleicht war der Traum, nie wieder arbeiten zu müssen, nur in einem kurzen historischen Moment möglich – für einen bestimmten Teil der Leute, in einer bestimmten Art von Wirtschaft. Der Rest von uns jagt einem Echo nach.
Stell dir ein anderes Ziel vor. Nicht: gar nicht mehr hackln. Sondern: aufhören mit Arbeit, die deine Gesundheit, deine Beziehungen und dein Selbstgefühl ruiniert. Nicht faul sein, sondern frei genug, auch einmal Nein sagen zu können.
Seien wir ehrlich: Das schafft niemand jeden einzelnen Tag. Die meisten nehmen den Job, den sie kriegen, schlucken den Stress und hoffen auf später. Und trotzdem verschiebt sich was. Leise fragen mehr Menschen: „Was, wenn dieses ‚später wird’s besser‘ nie kommt – und alles, was ich wirklich hab, ist diese ständige Verhandlung zwischen Geld, Zeit und Sinn?“
In dem Licht ist Pension nicht egoistischer Luxus, weil ältere Menschen keine Erholung verdienen. Egoistisch wird’s, wenn die Geschichte von ihrer Erholung genutzt wird, um Jüngere mit Schuldgefühlen dazu zu bringen, ein System zu stützen, das für sie offensichtlich nicht funktioniert.
Die wirklich wichtige Debatte ist nicht: „Soll das Pensionsalter von 64 auf 67 rauf?“ Sondern: „Wie bauen wir Leben, die Sicherheit, Würde und Luft zum Atmen in jeder Phase haben – statt das alles als Belohnung ganz am Schluss hinzuhalten?“
Auf diese Frage gibt’s keine saubere Antwort. Genau deshalb müssen wir viel öfter drüber reden.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leser*innen |
|---|---|---|
| Die klassische Pension bricht auseinander | Steigende Kosten, unsichere Jobs und verschobene Lebensmeilensteine machen das alte Modell für viele Jüngere unrealistisch | Hilft, sich nicht selbst die Schuld zu geben, wenn man an einem veralteten Drehbuch scheitert |
| In Zyklen denken, nicht in Endpunkten | Mini-Pensionen, Sabbaticals und flexible Arbeitsmuster als Alternative zu einem großen „Stopp“ | Zeigt praktische Wege, Erholung und Freiheit in die Arbeitsjahre einzuweben |
| Mikro-Sicherheit & ehrlicher Dialog | Kleine Ersparnisse, vielfältige Skills und echte Gespräche über Geld und Erwartungen | Gibt konkrete Hebel, um in einem unfairen System wieder ein bissl Kontrolle zu gewinnen |
FAQ:
- Ist Pension wirklich „egoistisch“, oder ist das nur Frust?
Das Wort „egoistisch“ spiegelt, wie sich Jüngere fühlen, wenn sie gebeten werden, großzügige Pensionen zu finanzieren, während sie selbst kaum die Miete zahlen können. Ältere Generationen sind nicht automatisch egoistisch, nur weil sie in Pension gehen. Das Problem ist ein politisches und wirtschaftliches System, das manche schützt, andere im Stich lässt und seine Story nicht anpasst.- Sollten Jüngere dann aufhören, für die Pension zu sparen?
Nein. Komplett aufgeben schadet nur deinem zukünftigen Ich. Die Umstellung ist mental: Verlass dich nicht auf eine perfekte Vollbrems‑Pension mit 65. Spar, was realistisch geht, bau Skills auf und plan ein Leben, in dem Arbeit und Erholung in Wellen kommen – nicht als eine einzige Ziellinie.- Was ist mit Leuten in körperlich harten Jobs, die einfach nicht länger können?
Da gehört das Wort „egoistisch“ hin: in die Politik, nicht zu einzelnen Menschen. Von einer Bauarbeiterin oder einem Pfleger zu erwarten, bis weit in die Sechziger hinein zu hackln, während Büroangestellte Richtung Frühpension „durchgleiten“, ist strukturelle Ungerechtigkeit, kein persönliches Versagen. Jede ernsthafte Reform muss diese Körper zuerst schützen.- Sind jüngere Generationen einfach schlecht mit Geld und geben zu viel aus?
Manche geben zu viel aus – in jeder Generation. Aber Wohnen, Gesundheit und Bildung sind viel schneller teurer geworden als die Löhne gestiegen sind. Lattes und Streaming-Abos für einen kaputten Wohnungsmarkt verantwortlich zu machen ist ein bequemer Mythos. Die Zahlen passen einfach nicht zur Nostalgie.- Was können Familien tun, um Spannungen rund um Pension zu reduzieren?
Redet über Zahlen, nicht nur über Gefühle. Eltern können transparent über Finanzen und Erwartungen sein. Erwachsene Kinder können ihre Einschränkungen offen sagen. Gemeinsame Planung – etwa gemeinsames Wohnen im Alter oder Ressourcen für Pflege zusammenlegen – kann stille Schuld und Groll durch klare, wenn auch nicht perfekte, Vereinbarungen ersetzen.
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