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Vielleicht ist Ihr Kind nicht hyperaktiv, sondern einfach nur gelangweilt – Schulpsychologen könnten Millionen falsch diagnostizieren.

Ein Junge im Klassenzimmer hebt die Hand, während er im Buch liest. Weitere Kinder und Lehrerin sind im Hintergrund zu sehen.

Am Dienstag in der Früh, in a Luft, die nach Desinfektionsmittel und Wachsmalstiften g’rochtn hat, is da achtjährige Leo langsam auf am Sessel im Büro von da Schulpsychologin herumg’wirbelt. Seine Füß ham den Boden ned erreicht, also hat er’s wia kleine Pendel hin und her baumeln lassen. „Der kann einfach bei nix ruhig sitzen“, hat die Lehrerin g’seufzt, die Arme verschränkt, eh scho z’spät für die nächste Stund. Seine Mama hat aufs Tüch (den Teppich) g’starrt und gegen des Gefühl ankämpt, dass ihr Bub grad auf da Anklagebank sitzt. Die Psychologin hat in Formularen kramt, Kästln abghakt und a paar hastige Fragen g’stellt über „Aufmerksamkeit“, „Verhalten“, „Störung“. Zehn Minuten später sind drei Buchstaben zwischen ihnen g’landt, wia a Stempel auf seiner Kindheit: ADHS.

Niemand hat den Leo a viel einfachere Frage g’stellt: „Bist du fadisiert?“

Wenn unruhige Kinder auf unruhige Systeme prallen

Schau dir a Gruppe Kinder in da Klasse gleich nachm Mittagessen an. A paar hängen über die Bank, zeichnen lustlos Linien ins Heft. A paar flüstern. A paar schaun ausm Fenster in a Welt, die leider viel interessanter ausschaut als des Arbeitsblatt vor ihnen. Und dann gibt’s die wie den Leo: die drehen si am Sessel, klopfen mit’m Bleistift, stellen zu viele Fragen und wirken, als würd sie a Magnet wegziehen von dem, wofür laut Lehrplan grad Interesse sein sollt. Des san die Kinder, die „auffallen“.

Aus Sicht von da Lehrerin fühlt si’s nach Chaos an. Aus Sicht vom Kind is es einfach: lebendig sein in am Raum, der sich anfühlt, als wär alles auf „stumm“ g’schalten.

Psychologinnen stehn unter Druck. Lehrkräfte san überlastet. Eltern san erledigt. Und wenn ma des drei z’sammhaut, entsteht a perfekter Sturm, wo a schnelle Diagnose wie a Erleichterung wirkt. A aktuelle Übersichtsarbeit im *JAMA Network Open schätzt, dass bis zu 20–30 % der ADHS-Diagnosen Über-Identifikationen oder Grenzfälle sein könnten. Des is ka Randnotiz. Des san weltweit Millionen Kinder, die vielleicht eher deshalb a Etikett kriegen, weil’s mit’m System aneckn, als weil’s tatsächlich a neuroentwicklungsbedingte Störung haben.

Stell dir a g’scheits, impulsives Kind vor, das fünf Stunden lang Arbeitsblätter, stilles Lesen und Multiple-Choice-Tests aussitzen soll. Ka Bewegung, ka echte Wahl, ka Herausforderung. Und dann wundern ma uns, wenn da Körper rebelliert.

Des heißt ned, dass ADHS ned echt is. Is es absolut – und für viele Familien is a Diagnose a Rettungsanker, ned a Problem. Schwierig wird’s, wenn ma jedes unruhige Kind behandeln, als wär’s a lebendige Symptom-Checkliste. A Kind, das Aufgaben in fünf Minuten fertig hat und dann „stört“, könnt hochbegabt sein, ned „gestört“. A Kind, das bei langsamen Erklärungen wegdrift, is vielleicht unterfordert, ned kaputt. Manchmal is die Umgebung aus’m Takt, ned des Hirn. A schlecht passender Unterricht kann aus’m falschen Blickwinkel ausschauen wie a medizinische Erkrankung.

Wia ma Fadisierung von am echten Aufmerksamkeitsproblem unterscheidet

Fang daheim an – wo niemand benotet und niemand dein Kind beobachtet. Schau, was passiert, wenn’s total in was aufgeht, was es gern hat. Kann’s sich a Stund lang auf Lego-Städte konzentrieren? Ewig zeichnen, coden, gamen, basteln? Merkt’s sich winzige Details aus am Buch oder am YouTube-Video, des es selber aussucht hat? Des versteckte Konzentrationsvermögen is Gold wert. Es zeigt: Das Aufmerksamkeitssystem funktioniert – halt ned auf Kommando, ned unter jeder Bedingung und ned für jede Aufgabe.

Dann änder den „Input“. Mach Aufgaben kürzer. Stell a Timer. Gib kleine Wahlmöglichkeiten. Du testest ned dein Kind – du testest die Umgebung.

Eltern tappn oft in die Falle, ihr Kind mit „dem einen ruhigen Kind“ zu vergleichen, das scheinbar dafür geboren is, Arbeitsblätter auszufüllen. Tu des ned. Schau dir dein Kind in unterschiedlichen Situationen an. Auf am lauten Geburtstag: bricht’s z’samm oder blüht’s auf? Bei am schnellen Spiel oder Sport: is es laserfokussiert oder trotzdem zerstreut? Wenn a Aufgabe knapp über der Komfortzone is: geht a Funke Neugier an – oder macht’s komplett zua? Wir kennan des alle: der Moment, wo ma sein Kind außerhalb von da Schule aufleuchten sieht und sich denkt: „Wo is der Bub/das Madl von 8 bis 3?“

Seien ma ehrlich: des macht ka Mensch jeden Tag konsequent. Mir san aa müd. Aber solche Beobachtungen san oft ehrlicher als a schnell ausgefüllter Fragebogen.

Und wenn ma dann doch im Büro von am Profi sitzt: Du darfst harte Fragen stellen. Welche Instrumente werden verwendet? Wird des Kind, die Lehrkraft und du über mehrere Termine befragt? Werden Schlafqualität, Ernährung, Ängste und mögliches Mobbing mitgeprüft? Oder wird in Windeseile a Skala durchklickt und Bewegung automatisch als Pathologie g’wertet?

A Kinderpsychiater, den i interviewt hab, hat g’sagt: „Wenn a Kind a Stund perfekt auf YouTube aufpasst, sag i ned sofort: ‚Des beweist, dass es ka ADHS hat.‘ I sag: ‚Sein Hirn kann fokussieren. Also: Was im Klassenzimmer schaltet den Fokus dauernd ab?‘“

  • Schau, worauf sich dein Kind von selber gut konzentrieren kann.
  • Notier, wann sich das Verhalten in der Schule verschlechtert oder verbessert.
  • Hol dir a zweite Meinung, wenn a Diagnose g’hetzt wirkt.
  • Verlang zuerst Anpassungen im Unterricht, bevor ma gleich zu Medikamenten greift.
  • Sieh das Label als Werkzeug, ned als Urteil über die Persönlichkeit von deinem Kind.

„Gutes Benehmen“ neu denken – und was Kinder uns eigentlich sagen

Du kannst klein anfangen. A einfache Umstellung: Frag dein Kind, was es fadisiert – und hör wirklich zua. Ned schnell im Auto zwischen zwei Terminen, sondern in am ruhigen Moment, wo niemand am Bildschirm hängt. Manche Kinder sagen: „Die Lehrerin erklärt viel zu langsam.“ Andere: „Mir machen jeden Tag des Gleiche“, oder: „I kenn des eh scho.“ Des is ka Trotz. Des is Information. Und statt zu predigen, übersetz die Antworten in kleine Experimente. Darf’s daheim beim Arbeiten stehen? Kannst Hausübung in 10-Minuten-Sprints mit Pausen aufteilen? Kannst es die Lektion in eigenen Worten erklären lassen, als würd’s selber unterrichten?

Solche kleinen Anpassungen zeigen oft, ob ma grad gegen a Hirn-Differenz ankämpft – oder gegen a Fadisierung.

A sehr häufiger Fehler: „Gutes Benehmen“ gleichsetzen mit „immer leise und still“. Menschliche Körper san ned dafür baut, den ganzen Tag am Sessel zu sitzen – erst recht ned kleine Körper voller Zucker und Fragen. Wenn Eltern nur dann was aus der Schule hören, wenn’s Probleme gibt, fangt ma an, sein Kind durch a Disziplin-Brille zu sehen: schwierig, stur, immer z’viel. Des tut weh. Dem Kind – aber dir aa. Das schlechte Gewissen is schnell da: Hab i was übersehen? Hab i versagt? Hab i des verursacht?

Manchmal is des Mutigste, laut zu sagen: „Vielleicht passt mein Kind ned in die Schachtel. Vielleicht muss ma die Schachtel anpassen.“

Profis san in der G’schicht ned die Bösewichte. Viele Psychologinnen und Schulberaterinnen machen sich genauso Sorgen über Überdiagnosen wie du. Aber sie arbeiten in Systemen, die schnelle Antworten belohnen – statt langsames Zuhören. Also geh als Partner*in hinein, ned als passiver „Kund“. Nimm Notizen mit. Nimm Fragen mit. Nimm die Version von deinem Kind mit, die’s außerhalb vom Klassenzimmer gibt.

„Mir pathologisieren kindliche Neugier“, hat mir a Schulpsychologe einmal anvertraut, off the record. „I seh Kinder, die sich zu Tode fadisieren, eing’sperrt in Einheits-Klassenzimmer, die für niemanden wirklich passen – und des Einfachste is, dass ma’s a Störung nennt.“

  • Verlang a gründliche Abklärung, ned a Urteil nach einem einzigen Termin.
  • Erzähl konkrete Beispiele, wann dein Kind aufblüht.
  • Dräng auf schulische Anpassungen, bevor’s um Labels und Tabletten geht.
  • Bleib offen: echtes ADHS gibt’s, und manche Kinder brauchen dringend Unterstützung.
  • Lass ned zu, dass a Drei-Buchstaben-Kürzel die Persönlichkeit von deinem Kind verschluckt.

Was, wenn Millionen „hyperaktive“ Kinder einfach unterfordert san?

Wenn ma das Muster einmal sieht, kann ma’s kaum mehr „ungesehen“ machen. A Generation von Kindern wächst hinter Schultischen auf, unter Neonlicht, trainiert drauf, das richtige Multiple-Choice-Kastl anzukreuzen, während ihre Körper schreien: „Beweg di!“ – und ihre Köpfe flüstern: „Des is mir wurscht.“ Wenn diese Reibung sichtbar wird, nennen ma’s Hyperaktivität, Opposition, Trotz. Selten nennen ma’s bei dem Namen, der’s oft wirklich is: a Missverhältnis zwischen menschlicher Energie und institutionellem Tempo. Wenn Millionen Kinder nur deshalb in a medizinische Kategorie g’schoben werden, weil’s mit dem Missverhältnis zusammenkrachen, brauch ma mehr als leise Sorge. Ma braucht Eltern, Lehrkräfte und Fachleute, die sagen: „Halt. Langsamer. Was könnt’s sonst noch sein?“

Vielleicht is dein Kind ned kaputt. Vielleicht reagiert es – g’scheit und logisch – auf a Welt, die es unterschätzt. Allein diese Möglichkeit is’s wert, dass ma bei ihr bleibt, drüber streitet, sie mit ana Freundin teilt und ins nächste Schulgespräch mitnimmt. Weil die Linie zwischen „gestört“ und „anders“ wird ned nur am Papier gezogen. Sie wird g’zeichnet in dem, wia ma unsere Kinder anschau’n, wenn’s ned still sitzen können in am Leben, des ned zu ihnen passt.

Kernaussage Detail Nutzen für Leser*innen
Über’s Label hinausschauen Manche ADHS-Diagnosen werden nach minimaler Abklärung vergeben, mit Fokus vor allem auf Verhalten in der Klasse Ermutigt Eltern, vor lebenslangen Etiketten a umfassendere Abklärung einzufordern
Die Umgebung testen Beobachte die Konzentration deines Kindes bei selbstgewählten, stimulierenden Aktivitäten Hilft, Fadisierung und „Mismatch“ von ana echten Aufmerksamkeitsstörung zu unterscheiden
Aktiv mitarbeiten Geh zu Fachleuten mit Fragen, Beispielen und konkreten Wünschen für schulische Anpassungen Gibt dir praktische Hebel, um für die echten Bedürfnisse deines Kindes einzutreten

FAQ:

  • Frage 1: Wia merk i, ob mein Kind fadisiert is oder wirklich ADHS hat?
  • Frage 2: Soll i Medikamente ablehnen, wenn i a Fehldiagnose vermut?
  • Frage 3: Was soll i die Schulpsychologin/den Schulpsychologen bei ana Abklärung fragen?
  • Frage 4: Kann a hochbegabtes Kind als hyperaktiv fehldiagnostiziert werden?
  • Frage 5: Welche praktischen Änderungen in da Schule helfen am „unruhigen“ Kind?

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