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Vielleicht schadet Social Media der Aufmerksamkeit gar nicht – Eltern machen sich womöglich umsonst Sorgen.

Kind und Erwachsener zeichnen mit Stiften an einem Tisch, während ein Tablet mit Videogespräch im Hintergrund steht.

Der Bub liegt breit am Sofa, das Handy nur Zentimeter vor der Nase, die Finger wischen rauf, rauf, rauf. Seine Mutter steht in der Tür, halb fasziniert, halb entsetzt, und schaut dem endlosen Strom aus TikTok-Clips und Instagram Reels zu. „Er kann sich auf nix länger als drei Sekunden konzentrieren“, seufzt sie später, während sie selbst durch ihren Facebook-Feed scrollt und die Nudeln überkochen.

Wir reden dieser Tage viel über Aufmerksamkeit. Über Gehirne, die vom Blaulicht „durchgebraten“ werden, und Kinder, die von Algorithmen statt von Büchern geprägt werden. Und doch gibt’s da eine seltsame Lücke zwischen dem, wovor wir uns fürchten, und dem, was tatsächlich passiert, wenn das WLAN ausfällt, der Strom weg ist oder das Handy endlich leer wird.

Das sind die Momente, in denen sich eine unangenehme Frage aufdrängt.

Vielleicht stirbt Aufmerksamkeit nicht – sie verändert nur ihre Form

Geh in irgendein Café in der Nähe von einer Schule um vier am Nachmittag, und du siehst die Szene: Tische voller Teenager, Köpfe gesenkt, Bildschirme leuchten. Es schaut aus wie ein Albtraumgemälde von „der abgelenkten Generation“. Eltern machen Fotos davon und posten sie mit Untertiteln wie „Wir sind verloren“.

Wenn du aber lang genug dort sitzt, merkst was anderes. Mitten im Scrollen ploppen Gespräche auf. Wer zeigt ein Video, alle lachen los, dann beginnt eine Diskussion, Handys liegen für ein, zwei Minuten mit dem Display nach unten. Dann wieder ein neuer Clip, ein neuer Moment, eine weitere Mikro-Welle an Fokus. Die Aufmerksamkeit ist da. Sie pulsiert nur anders.

Vor nicht allzu langer Zeit hab ich eine Gruppe 14-Jähriger an einem Projekttag in der Schule begleitet. Zwischen den Stunden waren sie tief in Snapchat und YouTube Shorts versunken. Im Workshop hingegen haben sie 40 Minuten am Stück eine Rube-Goldberg-Maschine aus Karton und Klebeband gebaut. Keine Handys erlaubt, nur Trial-and-Error-Technik.

Was auffällig war, war nicht die Abwesenheit der Handys. Es war die Intensität der Konzentration, sobald sie etwas wirklich Herausforderndes und ein bissl Lustiges zu tun hatten. Ein Mädchen, das am Gang noch an TikTok geklebt ist, wollte keine Pause machen, bis die Murmel endlich die ganze Hindernisstrecke geschafft hat. Das ist keine kaputte Aufmerksamkeitsspanne. Das ist selektive Aufmerksamkeit.

Forscherinnen und Forscher sagen leise zunehmend Ähnliches. Längsschnittstudien zu kognitiven Fähigkeiten von Kindern zeigen in den letzten 20 Jahren keinen dramatischen Einbruch der Aufmerksamkeit. Kürzere Medienformate verändern, wie schnell wir Stimulation erwarten – ja. Sie schieben uns Richtung Task-Switching und dauernde Neuheit.

Aber sie trainieren auch eine andere Art von Fokus: schnell scannen, Muster erkennen, herausfiltern, was zählt, in einer Flut an Information. Das eigentliche Problem ist nicht, dass junge Menschen gar nicht mehr aufmerksam sein können. Es ist, dass sie gelernt haben, ihren Fokus vor allem zu schützen, was sich nach „zu wenig Wert“ anfühlt. Hausübung, fad anmutende Anweisungen, lange Vorträge leiden. Immersive Games, Theaterproben, komplexes Basteln nicht. Das ist nicht der Tod der Aufmerksamkeit. Es ist eine raue, manchmal unbeholfene Form von Kuratieren.

Wie man mit dieser „neuen Aufmerksamkeit“ arbeitet, statt in Panik zu verfallen

Es gibt ein kleines Experiment, das Eltern daheim machen können und das mehr sagt als jeder Think-Piece. Setz dich an einem Abend zu deinem Kind oder Teenager und lass dir zehn Minuten lang die „For You“-Seite oder die Empfehlungen zeigen. Ohne Urteil, ohne Seufzen, ohne „Oida, was ist das für ein Blödsinn“. Nur Neugier.

Schau, was sie lang genug hält, dass sie bis zum Ende schauen. Schau, was sie sofort wegwischen. Und dann versuch leise, Offline-Aktivitäten zu entwerfen, die sich auf diese Dinge „reimen“. Nicht der Inhalt selbst, sondern die Struktur: kurze Challenge, unmittelbares Feedback, sichtbarer Fortschritt, vielleicht ein bissl Performance.

Viele Eltern tappen in eine von zwei Fallen. Totale Kapitulation: „So ist es halt jetzt, da kann man nix machen.“ Oder totaler Zugriff: Apps verboten, WLAN rationiert, Handys ab sechs in der Küchenschublade eingesperrt. Beides ist verständlich. Beides endet meistens in Machtkämpfen oder stiller Verbitterung.

Der Mittelweg ist weniger dramatisch und weniger Instagram-tauglich. Kleine, konsequente Grenzen. Handys nachts nicht ins Schlafzimmer. Ein Screen auf einmal, nicht drei. Gemeinsame „Offline-Inseln“ beim Essen oder am Sonntagvormittag. Seien wir ehrlich: Niemand macht das wirklich jeden einzelnen Tag. Aber selbst halbwegs konsequente Regeln, erklärt statt angebrüllt, können die emotionale Temperatur rund um Screens runterdrehen.

Manchmal ist die Frage nicht „Zerstört Social Media die Aufmerksamkeit von meinem Kind?“, sondern „Was biet ich ihrer Aufmerksamkeit an, das sich genauso zwingend anfühlt wie dieser Screen?“ Das ist für Erwachsene die härtere Frage, weil sie auf unsere Routinen zurückzeigt, auf unsere Energie, auf unser eigenes Scrollen.

  • Starte mit Beobachtung, nicht mit Alarm: Schau zuerst, wie dein Kind das Handy tatsächlich nutzt, bevor du Regeln festlegst.
  • Tauschen statt nur verbieten: Ersetz 30 Minuten Scrollen durch 30 Minuten etwas, das leicht herausfordernd, aber auch lustig ist.
  • Nutz ihre Skills: Schnelles Video-Editing, Meme-Bauen, Online-Recherche – das lässt sich in Schul- oder Familienprojekte reinholen.
  • Schütz ein paar „Deep-Focus“-Zonen daheim: Leseecken, Basteltische, Lego-Haufen, Puzzle-Regale.
  • Leb unperfekte Balance vor: Lass sie sehen, dass du mit deinen eigenen Screen-Grenzen ringst – und wieder neu anfängst.

Was, wenn die echte Krise nicht die Aufmerksamkeit der Kinder ist, sondern die Fantasie der Erwachsenen?

Hinter den Panik-Schlagzeilen versteckt sich eine leisere Geschichte. Kinder haben Erwachsene schon immer wahnsinnig gemacht mit jedem neuen Medium, das sie als Erste begeistert übernommen haben. Radio sollte Gespräche zerstören. Comics sollten Gehirne verfaulen lassen. Fernsehen würde das Lesen beenden. Social Media ist nur der neueste Bösewicht in einem wiederkehrenden Drama.

Was heute anders wirkt, ist Geschwindigkeit und Reichweite – und der unangenehme Spiegel, den uns das vorhält. Wenn wir sagen „Kinder können sich nimmer konzentrieren“, blenden wir oft aus, wie wir selber mit dem Handy in der Hand einschlafen, wie wir „nur kurz was checken“ und 40 Minuten später wieder auftauchen. Vielleicht ist die Aufmerksamkeitkrise eine Familiengewohnheit und nicht nur ein Generationsfehler.

Kernpunkt Detail Nutzen für die Leser:innen
Aufmerksamkeit verschiebt sich, sie verschwindet nicht Kinder fokussieren tief, wenn etwas sinnvoll oder interaktiv wirkt, und tun sich schwer bei Aufgaben mit wenig Engagement Nimmt Schuldgefühl und Angst, schafft Raum für differenziertere Grenzen
Zusammenarbeit schlägt Kontrolle Screen-Gewohnheiten beobachten und Regeln gemeinsam entwickeln funktioniert besser als Verbote und Predigten Reduziert Konflikte und Machtkämpfe rund um Geräte
Attraktive Offline-Alternativen anbieten Aktivitäten, die digitale Rhythmen nachbilden (kurze Challenges, Feedback, Kreativität), halten Aufmerksamkeit länger Hilft Eltern, Erlebnisse in der echten Welt zu gestalten, die Kinder wirklich wählen

FAQ:

  • Ist die kurze Aufmerksamkeitsspanne von meinem Kind dauerhaft? Wahrscheinlich nicht. Viele Kinder zeigen starken Fokus bei Games, Basteln oder Sport, driften aber in langweiligen Kontexten ab. Das spricht für Fähigkeit, nicht für Schaden.
  • Soll ich Social Media für meinen Teenager komplett verbieten? Für manche Familien helfen zeitlich begrenzte Pausen. Langfristig bauen begrenzte, begleitete Nutzung plus Gespräche meist gesündere Gewohnheiten auf als totale Verbote.
  • Wie viel Screen-Time ist „zu viel“? Es gibt keine magische Zahl. Schau auf Schlaf, Stimmung, Schule, Freundschaften. Wenn das kippt, sind Screens Teil des Problems – nicht nur die Stunden an sich.
  • Was, wenn mein Kind nur am Handy sein will? Fang winzig an: eine kurze Offline-Aktivität zur gleichen Zeit jeden Tag. Vorhersehbar, ohne Druck, und gekoppelt an etwas, das es eh schon mag.
  • Verdrahten kurze Videos das Gehirn wirklich um? Jede wiederholte Gewohnheit formt das Gehirn. Short-Form-Feeds erhöhen das Verlangen nach Neuheit, aber mit Grenzen und vielfältigen Aktivitäten bleibt das Gehirn anpassungsfähig.

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